Unter der dünnen Mondsichel

Eine bemerkenswerte Anthologie schottischer Lyriker und Lyrikerinnen haben Sigrid Rieuwerts und Hans Thill jetzt im Verlag Das Wunderhorn herausgegeben. „Unter der dünnen Mondsichel“ ist sie überschrieben. Jene überspannt die schottische, gälische und englische Sprache. Es ist der 32. Band der Reihe Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter, ein Projekt des Künstlerhauses Edenkoben der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur.

Die präsentierten Gedichte kommen aus tiefen, inneren Tälern geströmt wie etwa bei der Lyrikerin Claire Askew, die unter anderem Zustandsbeschreibungen von einzelnen Monaten im Fokus ihres großes poetischen Schaffens hält. „Die Gärten dunkeln zuerst, / Stecheichen unscharf wie eine Wolkenbank, / die Dämmerung schlägt alle Kanten ab. / So heißt es in einer Übersetzung der Lyrikerin und Anglistin Sina Klein. Daneben findet sich eine Übersetzung der Lyrikerin Lea Schneider, die unter anderem Komparatistik studierte. Solche Gegenüberstellungen verschiedener Übersetzer, die sich an dem gleichen Text versucht haben, tauchen in dieser Anthologie immer wieder auf und sind spannend zu lesen. Erinnern sie doch in iher Unterschiedlichkeit daran, dass es die absolute Übersetzung gar nicht gibt. Jeder Übersetzer trägt an seinem eigenen blinden Fleck, hat seine eigenen Prägungen, die Assoziationen zu dem Original spiegeln. Er ist subjektiv. Der Band gemahnt daran, wohl eher unbeabsichtigt, dass jede Übersetzung, so gut sie auch sein mag, deshalb auch mit Vorsicht zu genießen ist. Jedenfalls hat mich diese (subjektive) Erkenntnis begleitet, als ich durch die faszinierenden und aufwühlenden Naturbeschreibungen und Landschaftsbilder auch von Meg Batemen zog: „Drei Dinge halb gerochen: / Milch im Atem eines Kalbs, / der Sommer im Holunderblütenbier, / ein Fuchs im Frost. “ Die Germanistin Daniela Danz hat hier übersetzt.

Nichtsdestotrotz gibt der Band einen wundervollen Einblick in die prächtige, mitunter kraftvolle und auch dynamisch herbe Lyrik der Schotten. Iain Galbraith fasziniert mich darin in besonderem Maße: „und noch jetzt geht der Flug der Kraniche / beständig nach Süden, / während durch den / dampfenden Dunst und Regen ein Schwärmer / die Höhlung der Straße entlang gaukelt / unter den tropfenden Walnussblättern.“ So übersetzt ihn der Lyriker Tobias Roth.

Unter der dünnen Mondsichel. Gedichte aus Schottland. Das Wunderhorn, Heidelberg 2020

Acryl auf Leinwand. Kerstin Fischer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

quarantänelyrik

»ihr lest keine lyrik, seid ihr wahnsinnig?«

Das poetische Zimmer

ein Raum voller Lyrik, Gedichte, Poesie

ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Lyrikatelier Fischerhaus

Poesie, Malerei und Zeichnung. Eigene Gedichte, Bilder, Rezensionen - Lyrik only

Art blog - Nadia Baumgart

Fotos- Watercolour- Aquarelle - Nature - Rottal

Jacques Williet - Aquarelliste

Plongez au coeur des paysages de Provence...

Lyrikzeitung & Poetry News

Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 im Netz | News that stays news

sternenseele

Arianas virtuelle Lebensreise durch die Facetten von Sehnsucht, Liebe und Fantasie.

Dichtungsring

Zeitschrift für Literatur

Literatur & so

WörtersindIdeen (eine Seite von Timo Brandt)

komplex

Kulturmagazin Innsbruck

reclamatio et litteratus

Anregungen zum Thema Identität

%d Bloggern gefällt das: