Sansibar oder andere gebrochene Versprechen. Elke Engelhardt

„Das ist die Geschichte des Namenlosen / Er nannte sich Sansibar / Dann lief er davon“. Wer ist dieser Sansibar, jener Held in den eleganten Gedichten von Elke Engelhardt? Ein Schauender, ein Wissender, ein Scheiternder, ein Zweifler? In jedem Fall ist er weise in seinen Annahmen. Obendrein durchweht viele der Verse eine ganz eigenständige Philosophie, die Sansibar dicht auf den Fersen ist. Dem Leiden wird darin auch eine Sonnenseite abgerungen: “Sansibar seit er einen Namen trägt / mag die Misserfolge / Die unvermutete Helligkeit des Scheiterns / „. Aber alles bleibt fragwürdig. Diese Fragwürdigkeit ist das Überlebenselixier in diesen brillanten Texten, die man gleichzeitig als Bausteine für die Rekonstruktion eines Ichs erleben kann: „Ich glaube jede Ungerechtigkeit / nur dem guten Ende / misstraue ich / Vielleicht weil immer bei diesen Sätzen / die Stimme meiner Mutter brüchig wurde“.

Sansibar steht staunend vor der Welt, die ihn erhebt und erdniedrigt, und er steht vor seinem Gott, mit dem er in faszinierender Weise Zwiesprache hält: „Du hast aus mir eine ungenutzte Möglichkeit gemacht / lieber Gott / alles was ich sein könnte / sammelt sich in meinem Buckel // der unaufhörlich wächst “. Oder „Müsstest du mir nicht Worte geben / lieber Gott / aus denen ich eine Arche bauen könnte / Stattdessen lässt du mich untergehen / in einer Sintflut aus Leid und Schönheit / “. Die Enttäuschung liegt um ihn wie ein heißes Tuch. Er kann dieses Tuch nicht ablegen. Die dadurch erwärmten Verse laufen am Rande der Resignation. Und Sansibar ist zerbrechlich, wie schönes, zartes Glas zerbrechlich ist. Aber die Komplexität der Welt bietet den entscheidenen Schutz. Dennoch wird in den Gedichten auch die Vergeblichkeit betrauert mit Blick auf die große Weide Leben, auf der immer neues widersprüchliches Gras wächst. Hoffen ist eigentlich zwecklos. Man ist Teil der Verhältnisse. Das dringt durch die Gedichte. Sansibar macht sich nichts vor, und er macht sich auch keine Illusionen. Er prüft indes das Gewebe seines Tages, prüft, ob es hält, die Kindheit, die Gegenwart. Und er sehnt sich „Zurück an einen Ort an dem sich alles auflöst / in purpurrote bedingungslose Wärme / “.

Elke Engelhardt hat eine klare, wunderschöne, einfühlsame Sprache für dies Prüfen, Sehnen und Fragen gefunden. Der Abschied von Sansibar fällt nicht leicht, wenn man zum zweiten Zyklus des Bandes übergeht, der mit „Einige sehr kurze Geschichten vom Glück, die kleine Frau zu sein“ überschrieben ist. Auch die kleine Frau, die sich mal in eine Flaschenpost verwandelt, mal ihre Hände betrachtet, schließt man ins Herz. Auch diese Gedichte, die scheinbar so leichtfüßig daherkommen, stecken voller Weisheit: „Ich bin die kleine Frau. / Sich zu wehren gegen die Vergangenheit, / und der Zukunft Widerstand zu leisten, / das ist die Gegenwart.“ In zarten Linien entsteht ein poetisches Psychogramm, das zauberhaft ist.

„Die Lumpen meiner Erinnerung“ versammelt dann der dritte und letzte Zyklus dieses beeindruckenden Lyrikbandes. Filigrane Gedankenspiele feiern auch darin erdnahe Feste: „ich nahm es dir nicht übel / und ging allein / auf die Suche nach / einem Stoff der uns überleben könnte / Ich fand den Schnee / Seine Stimme war weiß“.

Alles scheint zu glitzern in den Gedichten von Elke Engelhardt. Sie sind schön wie Schneekristalle.

Sansibar oder andere gebrochene Versprechen. Elke Engelhardt. Elif Verlag 2020.

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