betrunkene wälder. Arne Rautenberg

An dem schillernden Gefieder dieser Gedichte bricht sich ein poetisches Licht, dem man sich kaum entziehen kann. Es vibriert, und es züngelt, keine Frage, man hat es mit einem Könner zu tun. Der Eindruck erhärtet sich bereits mit den ersten Versen dieses Bandes: „erdklumpen fallen baumwurzeln stürzen auf wälder steine / prasseln in den still liegenden see betrunkene amseln / fallen vom himmel eidechsen muscheln finger / fallen stinkende fische fallen vom himmel /“.

Der Blick, er geht wie durch bunte Scherben in ein Wortmeer, aus dem kleine Inseln wachsen, die die Reizflut komplexer Wirklichkeiten abbilden. Da ist dichte Sprache vonnöten, die in einem konzentrierten Wind funktioniert und brilliert. Dadurch bleibt alles in charmanter Weise übersichtlich: „komm ringel dir / eine träne ins jackett / du stehst zusammen mit einem großen See // im frühling auf kirschblütenschnee“.

Die Essenzen sind dafür sparsam ausgestreut, dennoch prächtig. Alles scheint gewachsen auf sehr fruchtbarem Boden: „heut fußt der weltgeist unter allen ländern nachrichten / werden ausgebracht wie saatgut wurzeln sich ein ich / steige mit den halmen dieses frühlings in den himmel /“.

Und es finden sich so herrlich vergnügliche Sequenzen: „betrunkene wälder oh bienenblitz / der glitch der gegenwart als witz / das alles sind nur wachsaufgaben / von dingen die sich vollendet haben / streifst du da durch so schäm dich nicht / sondern bediademe dich “.

Geschuldet ist dies auch den spektakulären Wortspielen und Wortneuschöpfungen, die immer wieder staunen lassen. Ein goldener Fundus, der vor Originalität nur so strotzt: „der villa von bau charlesdelaire / der villa von dickily eminson //“. Entsprechung findet dies vielfach in dem optisch ansprechenden Layout, in dem die Wörter und Verse zu Treppen etwa oder sich verjüngenden, taumelnden Bögen angeordnet sind. Das amüsiert die Lesegewohnheit.

Einen besonderen Stellenwert hat immer wieder die Natur in den Texten. Die Losung dazu gibt bereits der Titel des Bandes. Die Natur ist Partner auf Augenhöhe. Arne Rautenberg wickelt sie ein in seine Worte und macht sie obendrein betrunken. Zunächst wirkt das befremdlich, wäre da nicht dieser eindringliche Ton, die glühende Schärfe der Betrachtung, die überredet, nach Wahrheit auch im Unwahren zu suchen. Das macht jedes dieser Gedichte zu kleinen Kraftwerken, die voller Stärke sind in ihrem Überlebensdrang. Und jener ist ansteckend: „ die läufigen pupillen / unserer launigen lügen in chrysanthemen / sind geschnitten im dauerregen / eines viel zu warmen novembers //.

Überdies sind die Verse voller Begierden, was die Leser zusätzlich unter Spannung hält. Es gibt keine Möglichkeit auszuweichen. Diese Lyrik fesselt von der ersten bis zur letzten Verswirklichkeit und wird von sich reden machen. Dies vielleicht auch wegen dem den Band abschließenden Gedicht, das ich für eines der gelungensten halte: „sinn finden im abriss // die sprache entscheidet / ob die tür offen ist doch / das gedicht der glutkern / der sprache wo die worte / wieder flüssig werden ob / überhaupt eine tür da ist“: Es ist überdies als ein von mir ausgewählter Nachtrag zum Welttag der Poesie zu nehmen.

betrunkene wälder. Arne Rautenberg. Wunderhorn Verlag 2021

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