das kleingedruckte. Linda Vilhjálmsdóttir

Die Gedichte der isländischen Lyrikerin Linda Vilhjálmsdóttir sind mit hartem, bunten Garn genäht, das kristallklare Bilder herausarbeitet, die sich in den Geist schleichen und dort haften bleiben, eine ganze Zeitlang, die über den Atemzug des puren Lesens weit hinausreicht.

Vornehmlich die isländischen Frauen geraten in diesem Band in den Blick. Jener ist von Seiten der Lyrikerin schonungslos und herrlich direkt, ohne lieblos zu sein. Man könnte diese Liebe als kantig beschreiben, wenn man den ersten der Gedichtzyklen betrachtet, der als eine Hommage an die isländischen Bergfrauen gelesen werden kann: „die ersten / mit einer eiskrone / einer erbsünde gleich auf dem kopf // und der beißende rauch vom feuer / ragt wie eine säule vom scheitel auf //“. Wie sind diese isländischen Frauen? Stark und sensibel zugleich, „souverän und unabhängig“, und sie sind Wissende. Sie wissen mehr als die Männer. Weil sie Mütter sind, Großmütter und Urgroßmütter? Diese Linie wird jedenfalls in wunderbarer Weise verfolgt in einem poetischen Rückblick, der zur Gegenwart wird. In grandioser Weise gelingt das dieser Lyrikerin. Oder ist ohnehin alles verschiebbar, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit? Alles durchmischt sich zu einem isländischen Sturm. Er treibt über die günen Berge, die sich uns auftun, wenn wir uns an den glitzernden Wurzeln dieser bodenständigen Lyrik erfreuen: „ich sehe meine großmutter in der brávallagata / ungefähr so wendig wie die andere langsam war // stets dabei das gespenst der familie die scham / den bitteren kummer und all die enttäuschungen von sich abzuschütteln // barsch in ihrem wesen und rücksichtslos manchmal / vor allem gegenüber sich selbst wie auch meine mutter und ich //“.

Diese Gedichte sind wie starke Persönlichkeiten. Sie verströmen Kraft und Energie. Und sie sind scharfzüngig, da wo sie Gesellschaftskritik üben: „die sonnenbrille / wie ein wolkenschleier vorm gesicht // und das verlangen nach vollkommenheit umgibt uns / wie eine burka oder eine nebelschwade //.

Auf diese Art verweisen die taghellen Texte auf stumme, dunkle Zeichen, die durch diese Poesie fließen und interessante Spannungsbögen aufbauen. Dennoch erscheint alles stromlinienförmig. Das Verlangen, das Erkennen, das Abwägen und der grenzenlose Mut. Dadurch geraten die Frauen in Aufbruch. Sie erwachen. Und dieses Erwachen ist fein in die Texte ziseliert, fast unbemerkt und dennoch kompromisslos. Das ist eine ganz hervorragende Leistung dieser Lyrikerin, eine Leistung, die tief berührt und etwas von dem Aufflattern in Unruhe versetzter Vögel hat. Das Erwachen wird zum Naturereignis und ist damit unabwendbar. „wünschte du hättest dich sehen können / mama // wie ich dich jetzt sehe / im milderen licht des selbstvertrauens“. Das ist es, was diese Lyrik so überzeugend und ungemein authentisch macht.

„das kleingedruckte“ liegt in einer zweisprachigen Ausgabe vor und wurde von dem Schriftsteller, Übersetzer und Islandkenner Wolfgang Schiffer und dem bildenden Künstler Jón Thor Gíslason in exzellenter Weise aus dem Isländischen ins Deutsche übertragen.

das kleingedruckte. Linda Vilhjálmsdóttir. Elif Verlag 2021

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