dies sture beharren auf anwesenheit. Jürgen Flenker

Die Gedichte von Jürgen Flenker laufen durch das unruhige Gehäuse unserer Zeit wie Dotter. Sie sezieren unser Alltagsbeben und dies bis zum Anschlag, bis in die fiebrige Konsequenz seiner Licht- und Schattenspiele. Diese Konsequenz liegt wie eine dünne, tätowierte Haut über allem: „am ende helfen / nicht einmal mehr apotheken / ein flugzeug schmilzt / am horizont die wolken / gehen heute wieder / wie geschnitten brot //“. Dabei wird vielfach eine gerade, poetische Linie gezogen zwischen Wesentlichem und scheinbar Unwesentlichen, Nützlichem und Nutzlosen. Sie führt in die Waghalsigkeit der Momente, die einen Wasserfall hinuntergestürzt werden und die der Lyriker dann nicht auffängt. Sie bleiben im freien Fall über dem Papier. Die Wirkung ist aufwühlend und mitreißend: „solche tage sehen einander / zum verwechseln ähnlich / wie kolonnen des nullwachstums / marschieren sie auf / in ihrem prokuristengrau // vorerst aber bleiben solche bilder / gefangen im krawattenknoten / den du richtest vorm spiegel / in weißgekachelter gemütlichkeit / des herren wc’s im büro //“.

Das filigrane, fühlige Gewebe dieser Texte ist maßlos, führt in immer neue Räume und Areale, scheint unersättlich mit seinen ausgefeilten Synapsen, deren Wirkung kolossal ist. Hier ist ein wirklicher Könner am Werk, bei dem Sprachgourmets voll auf ihre Kosten kommen: „die ereignisse überschlagen sich / erst gestern löste ein jahrhunderthochwasser / den ewigen frühling ab jetzt fehlt uns zum unglück / nach nacktschneckensommer und streusalzkrise / nach zahlreichen irritationen in außenhandel und / dermatologie / nur noch eine mückenplage oder / ein streik der rettungsschwimmer dabei / noch immer kein stück haut in trockenen tüchern /“ .

Die Gedichte sind schön wie feinporige Mandalas. Es gibt keine Essenz, alles bleibt offen. Auch keine Schikane, keine Qual ist auszumachen in den glasklaren Versen. In exzellenter Weise jongliert Jürgen Flenker mit dem ganz normalen Wahnsinn, ohne uns ins Gewissen zu reden. Das ist angenehm: „ein softkern sein / in des pudels stuhlgang / ein verschlankter gedanke / im fettgewebe der daten /“. Die Hoheitsrechte dieser Gedichte liegen in ihrer schier unglaublichen Souveränität, an der sich das impulsive Blut, das durch ihre Adern schießt, immer wieder abkühlt. Alles erscheint wohltemperiert.

Herrlich ist auch immer wieder der Humor in den Versen, mit dem zarten Hauch von Ironie. Wie Tautropfen sickert er in wissende Erde und hinterlässt dabei Spuren voller Nachhaltigkeit und Esprit: „derweil der hund sich reckt um dann / den vagen rest von königspudel / gelassen aus dem fell zu schütteln / und zwischen aufgeplatzten säcken / in kakstellung zu gehen / wobei er seltsam konzentriert / den untergang der welt betrachtet/“.

Mit Kopfkino vom Feinsten hat man es zu tun. Die Wortgewalt und Präzision der Texte machen süchtig. Über diesen Lyriker wird noch viel gesprochen werden. Das ist sicher.

dies sture beharren auf anwesenheit. Jürgen Flenker. edition offenes feld. Dortmund 2021

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