Zone. John Sauter

Die Gedichte von John Sauter gehen wie Fassadenkletterer über das rostbraune Relief einer von Abfall geschwängerten Stadt, in der man trotz allem nicht zu lieben aufhört: „Die Telefonmasten / In den blauen Himmel gestochen / Schiefe Rippen / Ein altes Skelett / Das auch wir / Verlassen //“. Der Müll liegt an den neuralgischen Punkten als Abdruck der Zivilisation. Die Zeitzunge ist rau, aber überall findet sich auch Licht, in den Spalten, Ritzen, von denen sich das lyrische Ich verschlucken lässt, um der Morbidität der kaputten Verhältnisse zu entkommen: „ Überm Wolkenrand ein Fleck / Ein Loch, in das die Sonne stürzt / Und ich kann nur sagen, dass / Mein Herz niemals ein ruhiges wird“.

Zweifelsohne hat das Marode eine zentrale Rolle in Sauters Gedichten, gibt dem Endzeitambiente das Timbre. Eigentlich ist das Leben unter den aufgezeigten urbanen Verhältnissen untragbar. Es bleibt eine Kunst zu überleben, die beherrscht wird. Darin liegt ein Schäufelchen Hoffnung. Nichtsdestotrotz, die Schalthebel des Schattens werden gnadenlos bedient. Und sie steuern essentielle Bezirke, Bezirke des täglichen Bedarfs. Da ist die Melancholie nicht weit, möchte man meinen. Die Melancholie, als fester Bestandteil der faulenden Städte, sie wird zwar umgarnt in den Texten, aber nicht eingefordert. Feinsinnig wird dies umgangen. Das ist eine poetische Gratwanderung und Glanzleistung: „An der Haltestelle / Neben den Blocks / Roch es nach Meer / Doch nicht einmal / Ein Schwimmbad / Gibt es / Hier / “.

Das lyrische Ich ist wie ein Vogel auf dem Asphalt, der zwischen Unrat sein Gefieder putzt, um dem Du zu gefallen. Und dieser Vogel macht sich auf den Weg, vielleicht auf die Suche nach Schnee, nach unbeschadetem Weiß. In diesem Sinne kann man diese Lyrik auch als ein Reisetagebuch lesen: „ Bei der Deponie hängt Plastik in den Büschen / Du schaust zu den rostigen Containern / Im abgesperrten Gebiet / Dort vorn am Berg hab ich nach Steinen gegraben / Nach Mineralien, die unter der Oberfläche lagen / Das Schmatzen der nassen Erde hat sich nicht geändert / Auch das Rauschen des Wassers / Das aus Mundlöchern fließt / “.

Was bleibt ist die Luftlinie zum Glück. Mit schönem, poetischen Strich wird sie gezeichnet. Dabei bleibt der rostige Geschmack auf den Lippen, nichts wird beschönigt. Und es scheint Rettung zu geben. Sie liegt in der Bergung des Selbst über Müllhalden hinweg. Darin liegt obendrein der einzige Ausweg. Um das Selbst zu retten, muss man es aber erst finden. Und es wird sich in einfühlsamer Weise auf die Suche gemacht: „Meinst mich / Suchst den / Punkt in der Ferne / Drückst meine / Mörtelhand fest / Bis wir ganz / Hier werden / Egal wo / Wir sind“ oder „Ab heute müssen wir selber singen / Wir verlassen das Land / Müssen eigene Geschichten erfinden / Wir verlassen das Land / Selbst rudern und dann / Kommen wir ja vielleicht / Irgendwann an“. Damit wird der Leser den zweifellos tiefen Anklängen von Resignation, die in den Texten beben und in ihnen auch gebraucht werden, nicht ausgeliefert. In grandioser Weise spielen diese herrlich klaren, schnörkellosen Gedichte dazu mit der Magie von Sprache und Sprachbildern, die sich einbrennen. Das ist Lyrik, nach der man sich sehnt.

Zone. John Sauter. edition Azur im Verlag Voland & Quist, Berlin und Dresden 2021

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