Rückruf. Marie T. Martin

Die Gedichte von Marie T. Martin sind zartbesaitet wie Elfen, die gegen feste Formen antreten, etwa im Alltäglichen: „Im Hof blüht eine Paulownie, die / Samenkapseln liegen noch vom / letzten Jahr auf dem Beton. Kapseln / mit Songs, jeder dreieinhalb Minuten / lang. //“ Dabei spielen sie mit den Flimmerhärchen der Transzendenz eine ganz eigene, sehr präsente, sinnliche Melodie, die berührt: „dazwischen? Versprich mir wach zu bleiben, versprich / mir eine Rede an die Seele, in einem Gebinde aus / Weißdorn und Wacholder. Versprich mir aufzuwachen, / versprich mir, dich nie zu verlassen.“

An einem schönen Strom treiben die Verhältnisse im seidigen Rhythmus. Dieser Strom führt bis ins All: „Vergiss nicht, dass du über die Milchstraße zurück musst“. Von zarter Hand werden Räume gesprengt, Zeiten, das enge Gehege unserer Wahrnehmungen mit ihren reifen Adern aus praller Erde und metaphysischem Windspiel. Der Tod, ein purer Gnadenfaktor? Der Gedanke beschleicht. Doch liest man die Gedichte von Marie T. Martin genau, erkennt man in ihm das Vehikel der Metamorphose. Die schönen, ebenmäßigen Gesichter der Gedichte spiegeln sich obendrein im Übersinnlichen. Das geschieht ganz beiläufig, wie selbstverständlich, als sei die, wie auch immer geartete, andere Welt ein sechstes Element: „Ist das der Himmel oder sind das / die Wellen, fädiges Flimmern, die / Gischt, die dich an Land bringt, / birgt dich eine Höhlung oder holt / dich ein loses Flattern? //“

Der Feinstofflichkeit dieser Gedichte entsteigen Möglichkeiten, von denen Schleier genommen werden, bis sie nackt vor uns stehen und die Wirklichkeit verschieben. Wir betreten diese Wirklichkeit beim Lesen und wachsen dabei. Das Gedichte eine solche Macht haben können, zeigt uns diese Lyrikerin: „jetzt ist unser Haus wie ein Hemd / gewendet das Licht lässt sich / erkennen Körnchen um Körnchen / legst du mit Reis ein Orakel / verbinde die Punkte die Küche das Bad / rasch die Zimmer sind schon / mit den Buchen verwachsen“.

Und immer wieder wird an der Peripherie der Endlichkeit gewebt: „ein Geist. Er könnte verwandt / sein, ein Teil deiner Eltern / oder einfach besessen. Die / Dinge, die Menschen, sie können / verschwinden.//“ oder: „Eine Dauer ist eine blaue / Strecke, die du überspringen / kannst, um ins Gestern // zu gehen. Gestern gibt es nicht, / das ist nur ein seltsames Tier, / das mir und dir davonläuft.//“ Das metaphysische Unterfutter ist weich und anschmiegsam und rückt enorm nah heran. Dadurch lässt sich auf den Flügeln dieser Gedichte durch Ozeane treiben, in denen die Zeit rückwärts fließt, das Morgen zum Treibsand jenes Gestern wird. Das sorgt für ein spektakuläres Leseerlebnis, dem immer wieder Naturerfahrungen beigegeben werden, denn eine zentrale Rolle spielt in diesen Texten die Natur. Sie hütet die Visionen vor dem Zerfall, fängt sie immer wieder auf und macht sie plastisch: „Verrate den Liguster / sei eine Untertanin der letzten Ulmen / gib den Ampeln Anweisungen / spekuliere darüber welche Welt / hinter der Welt wohnt /“. Auch begegnet die Natur als Gebärende, als Wächterin oder als Trauernde. Immer aber hat sie eine helle Stimme. Dies gibt den Gedichten Frische, als hätte man sie gerade erweckt. Das ist konsequent, denn nicht unwesentlich ist das Werden in seinen Wandlungen. Es ist schön wie Perlmutt in diesen feinen Texten.

Zu guter Letzt sei noch den herrlichen Sprachbildern dieses Lyrikbandes applaudiert, dem Tom Schulz ein interessantes Nachwort gegeben hat. Sie sind wie ein Schwarm Goldfische, bewegen blutjunge Essenzen vibrierenden Lebens, auch dort wo das Sterben ist. Darin liegt eine besondere Kunst dieser Dichtung: „Wir wollen in dieser Geschichte bleiben, in der alles Lebendige / leben darf. Wir liegen unten bei den Wurzeln und schlafen / nicht ein.“

Rückruf. Marie T. Martin. Zweite Auflage. Poetenladen. Leipzig 2021

2 Kommentare zu „Rückruf. Marie T. Martin

  1. Liebe Kerstin, diese Rezension durchflutet mich mit aufgeregter Leichtigkeit.
    Ein sicheres Wissen, eine warme Übereinstimmung mit dem, was diese Frau schreibt. Freude im Herzen, als ob sie mich versteht.
    Wunderschön hast Du das beschrieben.
    Eine wunderbare Einladung, diese Gedichte zu lesen.
    Danke

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