Lichtbruch. Bris de lumière. Charles Racine

Die Qualen mäandern in den Gedichten des 1927 geborenen, jurassischen Dichters Charles Racine. Das erinnert an Tintenfische, die man immer wieder auf Steine schlägt, um sie zu töten. Was sind das für Qualen? Sie kreisen um das Schreiben, den Schreibprozess. Darin erinnert Charles Racine an ein fein gemasertes Blatt, das man zwischen den Seiten eines dicken Buches presst. Es ist zwingend, dieses Schreiben, gar überlebenswichtig. Es rettet vor der Ausweglosigkeit, dem Bodenlosen, das in sarkastischer Weise begütigend die Hand auf die Schulter legt: Jenes „Knäuel, das ausläuft beim Schreiben und das die Hände verlässt, / die es entknoten.//“, es ist existenziell. Das ist zu spüren mit jedem Augenaufschlag dieser Verse, die in ihrer schlichten Klarheit bestechen.

Charles Racine war wie ein Vogel, der seine Jungen mit dem Nötigsten versorgte. Dies aber ist von hochkonzentrierter Substanz, die atemberaubend ist. Er stillt mit seiner Lyrik den Hunger nach echter, in das Leben eingefasster Poesie. Das passt zu der Selbstverortung des 1995 verstorbenen Dichters, in der kein Zweifel mehr vibriert, was einen langen inneren Kampf gekostet haben mochte: „du entschlüsselst / die Weisen der Dichter / du liest sie die Weisen /

die sie selbst / nicht entschlüsseln können / nicht lesen können / denn es gibt nichts zu lesen / für die Dichter“. Die Bedeutung des Lesers und der Leserin, sie war groß für Charles Racine. Als hauchten jene seinen Texten erst Leben ein, denn: „Das Phantom (der Autor) / und sein Totenacker (die Literatur, seine Texte). / Der Autor ist ein Mentor, das Phantom. / Promenade unter den Schriftzeichen.“ Für Charles Racine starben die Gedichte auf dem Papier, sobald sie niedergeschrieben waren. Er begleitete diesen Sterbeprozess, in dem er das unsichtbare Wirkgemächte zwischen „Lichtbruch“ und Lichteinfall, „Leere“ und „Abwesenheit“ in herausragender Weise beschrieb, die inne halten lässt.

Es offenbart sich ein Dichter, der am Abgrund steht und Höhenwinde auffängt, deren eigentliche Geburt erst mit dem Aussetzen der Gedichte in die Welt erfolgt. Blutleer lässt ihn das geschriebene Wort zurück. Er überantwortet sich dem fahlen Rauschen der Einsamkeit. Das setzt Demut voraus, Demut gegenüber dem Schaffen. War Charles Racine auch demütig, wenn er mit seinen Freunden Jacques Dupin, Paul Celan, Jean Daive oder Yves Bonnefoy zusammentraf? Wie dem aufschlussreichen Nachwort von Gudrun Racine zu entnehmen ist, in dem sie Egon Ammann zitiert, habe er sich die Zuneigung seiner Mitmenschen und Nächsten mit Liebe und Zärtlichkeit, mit trotziger Aggression, mit Treue auch, zu ergattern gesucht.

Die Texte aber, sie sind wenig demütig. Racine trug sein Dichterschicksal scheinbar mit Contenance, auch wenn er es hier wiederholt zum Thema machte, was die Vermutung nahelegt, dass er sich immer wieder seiner Selbst vergewissern wollte. Nichtsdestotrotz, in diesen Texten vibriert nicht der leiseste Hauch eines Zweifels an der eigenen Sonderexistenz: „ Das unverbrüchliche Gedicht / reift im Vergessen / wo ich es widerstrebend hege //“.

Dennoch, er war ein grandioser Schattenschreiber. Die innere Haut seiner Wörter ist weich und tiefgründig, aber sie ist vielleicht gerade dadurch geschunden, aufgerieben. Nur der Leser und die Leserin können sie heilen: „ich beuge mich / zur Erde / der Moment / ist furchtbar allein / für den Himmel“.

Im Schweigen verbirgt sich die wirkliche Zeit, die Endzeit, das Zeitlose. Diese Lyrik vermisst ihre Längen und Breiten: „Wie weit er auch fort ist / der Dichter formt das Erdreich / das Schweigen / ein Geräusch das stört. // Er ist gleichzeitig überall / um das Ohr zu stören – das menschliche Gehör / das dann dem Krieg gehört. // Schweigezeiten / lauter Hochburgen / mit einem Dichter als Wache.“

Die größtenteils relativ kurzen Gedichte von Charles Racine, die dieser Band versammelt, sind von großer einsamer Schönheit, die sich beim Lesen als eine Weggefährtin offenbart, der man sich auch nicht entziehen kann, wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat. Für eine kostbare Weile bleibt sie und hinterlässt sonore Spuren. Und sie spendet Trost, denn „Der Dichter erliegt dem Buchstaben, den er niederschreibt. / Doch er „setzt ein Leben fort“, indem er den nächsten Buchstaben niederschreibt, das nächste Wort, den nächsten Satz.“//

Ausgewählt und aus dem Französischen übertragen hat die Gedichte, die im Limmat Verlag erstmals als deutsche Übersetzung vorliegen, Felix Philipp Ingold. Sie entstammen ursprünglich einer bei Éditions Grèges in Montpellier von 2013 bis 2017 erschienen dreibändigen Werkausgabe.

Lichtbruch. Bris de lumière. Charles Racine. Limmat Verlag, Zürich 2019

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