Auf Zimmer drei liegt die Sehnsucht. Sigune Schnabel

Die Gedichte von Sigune Schnabel sind von gläserner Intensität, die sich über weiten Sommerfeldern entlädt. Diese Dichterin sät Sprachmohn, der einfach wunderschön ist. Mit reiner Poesie hat man es in der Rotfärbung seiner Blüten zu tun, einer Poesie, die besänftigt, unaufgeregt ist, ruhig dahinfließt wie ein überschaubarer Fluss. Die Szenerie des Textgewebes ist dabei oftmals eng gesteckt: „Wenn im Schatten der Gedanken / Tage liegen, / sammeln wir sie manchmal / auf Papier.“ Oder „An brüchigen Tagen / werfen wir Schneebälle / gegen die Stunden, / fällt Putz von der Zeit. / Wir tragen ihn an Kleidern, / und manchmal staubt er / auf der fahlen Haut.“ Es ändert nichts daran, dass die Aussagen voll wärmendem Charisma sind. „Ich kenne deine Haut, sie ist still und atmet wie Eis.“ Das erinnert an Gedichte von Rose Ausländer.

Behutsam führt Sigune Schnabel durch die Labyrinthe ihrer vielschichtigen, kristallinen Wahrnehmungen. In deren Radius taucht immer wieder das „Moos“ auf als weiche Grenzlinie, die den Übergang markiert, pelzig und vertraut, Sphären trennt und verbindet als lyrischer Botenstoff: „In der Ecke ihres Zimmers: / ein Flüstern, weil dort Moos wächst / über kalten Dingen. / Keiner erinnert sich / an die Schlinge, / mit der die alte Frau Nacht fing / und hinter sich herzog / wie einen Hund.“ Es wächst uns in geheimnisvoller Weise zu, dieses Moos, kriecht in die Schalen unserer Vorstellungen und begleitet im Fortgang der Lektüre, verbindet uns mit der Dichterin. Man kann ihnen trauen, diesen Versen, ihren polierten Spiegeln und sympathischen Sprachbildern, die sich um Themen bewegen wie Jahreszeiten, die Natur, das Du, das Wir, das Verlassenwerden, das Älterwerden oder das Schreiben etwa.

Die Texte sind in sieben Zyklen angeordnet, deren Beginn jeweils ein Bild des Malers Simon Lèbe illustriert. Impulsive, wunderbare Farbenspiele sind das, die sich an die Malweise der Lyrischen Abstraktion anlehnen.

Sigune Schnabel erinnert des Öfteren an eine Eiskunstläuferin, die in ihrer Kür besticht. Ihre freien Verse sind wie Rittberger. Nicht selten machen sie eine elegante Drehung um die Achse des lyrischen Ichs: „Leg mir keine Hoffnung / vor die Schwelle. / Ich verstehe ihre Farbe / nicht mehr. // Durch Blitzlicht / fahren meine Pläne, / so schnell, dass ich / für ihren Leichtsinn zahle.“ Daraus ergeben sich verträumte Berichte vom Sein. Die Muster sind schlicht, aber das Textparfüm ist schwer. Es riecht nach Zitrone und Sandelholz und ein wenig Patchoulie vielleicht.

Dadurch zeichnet die Dichterin immer wieder Klippenränder, aber niemand stürzt ab, denn es gibt dieses strapazierfähige poetische Netz, das sie geknüpft hat, um nichts zu zerstören. Alles scheint lieb und teuer und hat seinen Sinn, seine Daseinsberechtigung, das Wanken, das Warten, das Zögern, das in die Welt Geworfene, das Einsame. Die Verschmelzung von scheinbar Unvereinbarem wird obendrein spielerisch initiiert in einer hochsensiblen, poetischen Naivität, die Wahrheit und Wirklichkeit am nächsten kommt: „Die Vernunft trägt heute keine Mütze. / Mit ihren Tannenaugen sinkt sie / zwischen Gräser und Sand, / blau gekrönt vom eisigen Himmel. //

Wenn man die Gedichte liest, ist es, als würde man mit beiden Händen die Kornblumen in einem Feld auseinander breiten. Um noch einmal sprachbildlich in die Felder zu steigen und die Naturerfahrung zu bemühen. Die Gedichte sind natürlich, natürlich gewachsen, im Schreibzimmer einer sehr talentierten Dichterin, die die Schürfrechte hat für die Worte, die ihr niemand absprechen kann.

Auf Zimmer drei liegt die Sehnsucht. Sigune Schnabel. Geest-Verlag 2021

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