Ein Dasein aus Papier. Al Berto

Die Gedichte des 1997 verstorbenen portugiesischen Lyrikers Al Berto sind voll wärmender Dunkelheit. Die schwangeren, schwarzen Nüsse der Nacht sind das Thema. In den späten 70er und 80er Jahren sind die Texte entstanden und tragen, dem Vernehmen nach, das Lebensgefühl des Fin-de-siècle der ausgehenden 80er Jahre und seiner Popkultur. Ein Leiden im Abrieb seiner Träume und Wünsche wird präsentiert, da wo die Sonne lungert, in die Zäsuren schneidet, die auch suizidal sind: „ewig die strahlenden wunden der handgelenke / fort sind die wiedererkennbaren meere und schiffe / die wir uns erdachten um über den morgen zu kommen //“.

Die Passion ist in den Texten nackt und in ihren Grundfedern schön wie bei Baudelaire: „die finger funkeln im humus der erde / und ich / ungerührt von der schläfrigkeit meiner zunge / höre das echo einer lang schon begrabenen liebe //“. Diese Liebe, sie taucht oft auf und hat ein zartes homoerotisches Fundament, das die freien Verse trägt und in einer Leidenschaft verankert, die atemberaubend ist. Man inhaliert geradezu: „steige mit der rötlichen trägheit des raubtiers / hinab bis zum nerv wo der mund nach süden sucht / und nach früher besiedelten orten / ach mein freund / du hast so lange gebraucht um wiederzukommen von dieser reise // das meer ist bis an die treppen des alternden morgens gestiegen / bis über den von stiller enttäuschung gebrochenen körper // so habe ich mich daran gewöhnt ohne dich zu sterben / den kugelschreiber ins herz gerammt“.

Alles mündet in die Agonie zwischen Exzess und Passion. Der Reiz des Abgrunds, die zerstoßene Lust, das alleingelassene Begehren, das zitternde Schwarz. Dieser Todeskampf, er macht die Libertinage der Texte so wertvoll.

Al Berto schreibt in einer ganz neuen Farbe, einer Farbe, die sehnt und am Vergessen leidet. Sie ist geschmeidig wie eine Gazelle und dem Tod geweiht wie die Beute eines Raubtieres. Sie schreibt Wunden in den Körper. Dennoch dient das Schreiben als Überlebenselixier: „das licht ist vertrocknet am ufer der wüste der stadt / ich schreibe um zu überleben /“.

Aus den Texten tropft helle Hitze, die an der Vergeblichkeit verendet. Die dramatischen Wechselbäder verwüsten und ordnen. Das zieht in einen Bann, dem man sich als Leser oder als Leserin nicht entziehen kann. Es ist zwecklos Al Berto auszuweichen. Er hat dieses große einnehmende Talent, das selten ist. Mit ihm führt er uns auch seine verletzte Kindheit vor, seine Gespielin, seine Antigone: „ aber dir blieben weder verzweiflung noch angst / vor der blinden und bitteren überfahrt aus der kindheit / denn im öden vergessen der tage immer noch / jenes irre kind des entzündeten äthers//“.

Doch bei aller Schwärze, die Morbidität wird ausgespart. Die Finger der Schönheit in den Versen sind flink und unruhig und zeigen auch auf die Faszination des Meeres.

Passion, Suizid, Einsamkeit, Sehnsucht, Vergänglichkeit, sie werden entblättert in den Gedichten von Al Berto, bis sie auf einer leeren Straße stehen, amorph und gierig. Das macht die Texte so schön wie Fasane, die durch Nachtgras laufen. Zurecht ist dieser Lyriker bis heute einer der meistgelesenen Portugals. Michael Kegler hat seine Gedichte in herausragender Weise erstmals ins Deutsche übersetzt. „Ein Dasein aus Papier“ versammelt drei Gedichtbände: „Uma Existencia de Papel (1985), O Livro dos Regressos (1989) und Finita Melancolia (1990).

Ein Dasein aus Papier. Al Berto. Elfenbein Verlag 2021

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