American apocalypse. Gedichte und Fotografien. Isabella Feimer. Manfred Poor

Die Schriftstellerin Isabella Feimer hat zusammen mit dem Fotografen Manfred Poor Amerika bereist. Auf dieser Reise sind hinreißende Gedichte und Fotografien entstanden, die in perfekter Symbiose miteinander leben. Die Impressionen aus Arizona, Kalifornien, Alaska, Miami oder New Mexico, um nur einige Stationen zu nennen, sind irisierend. Bilder aus Kneipen, von Stränden, von Wolkenkratzern, Schrift in Neonlicht, Streetart, verlorenen, morbiden Landschaften, herb kreiert, eben apokalyptisch, fügen sich wie Puzzelsteine in die poetischen Texte. Die Gedichte sind der Meilenstoff. Sie haben sich betrunken am Licht und haben Staub geschluckt. Sie sind Wüste und Eis. Sie brechen aus und durch uns hindurch, um uns mit auf die Reise zu nehmen, auf einen Roadtrip, der an Amerika leckt, es genießt und wieder ausspuckt, denn „manch Ort ist nichts weiter als ein Geisterschloss“. Die Gedichte sind von einer tiefen Intuition getragen, die die Endzeit spürt: „wir folgen dem Licht / das die Scheinwerfer auf den Asphalt zeichnen / sich um Königspalmen schlingt / und die Dunkelheit berührt als wäre sie ein Körper / nach dem man sich verzehrt // verzerrte Finsternis sammelt sich über unseren Gedanken / Atem setzt Sekunden in Erschöpfung aus / zum Jukeboxsoundtrack trinken wir Champagner / er bleibt im Nachgeschmack auf von nächtlicher Hitze feuchter Haut //“.

Diese Intuition scheucht schwarze und bunte Vögel aus der Selbstgenügsamkeit der Häuserschluchten. Die Fieberkurve des Übergangs beschreiben die Gedichte auf diesem Wege, die die Eingeweide des Amerikanischen Traums mehr und mehr verblassen läßt. Momente, Befindlichkeiten, Roadneurosen, depressiv, tragisch aber auch entflammbar und entsetzlich schön, bilden dazu den Kern: „der Rabe stiehlt das Licht aus dem / wolkenlosen Nachthimmel / steckt es zwischen seine Federn / sein Flügelschlag wirbelt Staub auf / der unsere Seelen besetzt //“.

Besondere Dynamik erfahren die Texte durch die Durchmischung mit englischen Wörtern, Satzfragmenten und Passagen. Dies geschieht oft, aber nicht zu oft. Das Vorgehen sorgt für eine starke Authentizität, die mit den Fotografien und ihren mal markigen, mal schrillen Kompositionen, äußerst gut harmoniert.

Die Verse saugen in ihrer feinen Rhythmik die Süße aus der Hitze des Makaberen und tauchen sie in Neonlicht. Das korrespondiert mit der Mentalität des Unterwegsseins, der Potenz des Rastlosen, dem Loslassen des Schweren, den Gezeiten immer wieder neuer Eindrücke, die aus aufkommendem Kummer und Resignation entlassen. Das ist das Besondere an diesem Band mit seinen Reisebeobachtungen, nichts ist statisch, nichts ist fix, alles treibt in ein Weiterziehen, das den eigentlichen Sound vorgibt, in der amerikanische Konvulsion am Steg zum Abgrund. Eine Konvulsion, die auf dieser poetischen Folie in Wort und Bild entwickelt wird. Wir sind Teilhaber und überprüfen unser Amerikabild, überprüfen die Freiheit, die Weite, entlarven die Dissonanzen und lieben sie trotzdem. Das ist phantastisch und verblüffend zugleich und lässt das Lesen und Schauen zum Exzess werden.

In reizvoller, farbenprächtiger Weise bildet dieses Buch ein Vorspiel ab. Jenes zum Exitus? Das bleibt am Ende dem jeweiligen Stand der Phantasie überlassen: „das Herz sammelt Salzwasser in Wellen / während die Flut die Grenzen des Sichtbaren verschluckt / von Gezeiten ausgehöhlter Sandstein / hält kleine Planeten in sich gefangen“. Die „American apocalypse“ jedenfalls ist ruchbar, wenn man sich auf die ungeheuer plastischen Feldstudien dieser anziehenden, klaren und sich einprägenden Verslandschaften einlässt.

Das Buch ist ein Glanzstück in Wort und Bild.

American apocalypse. Gedichte und Fotografien. Isabella Feimer, Manfred Poor. Limbus Verlag 2021

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