Kyung. Eva Maria Leuenberger

„Dicteé“, daran hatte sich Eva Maria Leuenberger, die mit dem lyrischen Ich wohl gleichzusetzen ist, infiziert. Dictée ist ein „palimpsest einer fragmentierten identität“ und das einzige Buch der koreanischstämmigen, feministischen Avantgardekünsterlerin Theresa Hak Kyung Cha. Es handelt von „Identität“, „Macht“ und „Sprache“, wie den Anmerkungen Eva Maria Leuenbergers zu entnehmen ist. Der Tod Chas, die 1982 31jährig in einem Parkhaus von einem Serientäter vergewaltigt und ermordet wurde, hat die Lyrikerin stark berührt, viele Jahre später. So stark, dass sie ihr eigenes Schreiben reflektieren, einpassen, sortieren muss, um zu verarbeiten, auszuhalten. Entstanden ist daraus das empathische Kunstwerk „Kyung“, eine unglaublich schöne Symbiose aus essayistischen und lyrischen Passagen, die in graziler Weise auch Dialog bedeuten mit der Toten. Sie kommt zu Wort mit zumeist kurzen Einschüben, die graugesetzt sind, so dass alles anwächst in diesem sensiblen Pas de deux zu einer hochpoetischen Nahtoderfahrung. Das ist gleichermaßen originell, makaber und enorm zärtlich. Obendrein sind die Verse liebend, eine Liebeserklärung. Das geht unter die Haut und ist einfach atemberaubend. Was bleibt, „eine Leerstelle, wo der Name war“… Aber die Sprache, die Sprache überlebt den Körper, sie schafft Visionen, in denen er aufersteht, auch wenn sie fragil ist. „Kyung“ ist ein Schlagabtausch zwischen dem gewaltsamen Ende der Körperlichkeit und dem Beginn von Sprache, Poesie, der den eigenen Schreibprozess enttarnt. Immer haftet dabei der Leichnam Kyungs im stillen Gewebe über den Zeilen, gerade ihr Bleiben ist enthüllend: „die wahrnehmung flimmert / / die körper / streifen sich kaum / und doch: hier ist die zeit / hier ist der schnee / eine frau lebt // du lebst / immer noch / oder wieder // (…)“. „und der körper fällt, am boden eines parkhauses.“ Immer auch wird dabei nach der Physiognomie der Leere gefragt. Sie ist ein neuralgischer Punkt, der die Worte entkleidet, bis sie nackt vor uns stehen. „(…) die leere im koreanischen daoismus ist grundsätzlich. sie ist der ort in der mitte des rades, der bewegung möglich macht, der ort, wohin die stimme zieht, der ursprung von allem, ein eingang, ein neuer weg. (…)“. Im Text scheint es, als sei sie Opiat und kristalline Ferne zugleich. Eva Maria Leuenberger öffnet daran ganz neue Räume in die Transzendenz. In herausragender Weise ist ihr das gelungen: „ein körper, tot seit jahren, wird teil einer eigenen äußerung / eine neue stimme, in einem fluss aus stimmen / zuerst luft / dann nebel.“

„und der körper fällt (…) “, fällt in uns, die wir sprachlos werden angesichts dieser rohen Gewalt, fällt in das lyrische Ich, erfährt dort beschützenden Widerhall, fällt in die Worte und fällt in die Fassungslosigkeit und das Unabänderliche. Das Schicksal lässt sich nicht boykottieren. Warum war Kyung zu der Zeit an diesem Ort? „die zeit schluckt die haare und die worte und sich selbst“. Das Ende ist ein Skelett, nur einen Steinwurf weit entfernt.

Dieses Buch ist ein Meisterstück und eine wundervolle, dynamische Komposition, die in ihren Bann zu ziehen weiß.

Kyung. Eva Maria Leuenberger. Literaturverlag Droschl. Graz. Wien 2021

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