Im Sandmoor ein Android. Safak Saricicek

An den Flügeln des Lichts sind die Verse von Safak Saricicek zu finden. Dies in einer poetischen Reinheit, die ihresgleichen sucht. Die Wörter bilden Metropolen, die sich zu Gestirnen fügen im wachen Wind der Phantasie. Dabei reiben sich die Gedichte in die Zeit wie bittende Violinen: „Ich schabe den Schnee ab, mit Fühlern / von Buchkrusten den Schnee aus Fliegen aus Staub / und bald wintert es. / Was ich abschabe. // Nimm so viel Perlmutt, so viel Onyx / wie du willst, Perlmuttfliegen, greif Onyxmücken, / greif den ganzen Winter, bald / dreh auf Libellen.“ Zarte Berichte sind das, die durch die Membranen des Lebens blicken. Die Erkenntnisse, die daraus gewonnen werden, sammeln sich in pittoresken sprachlichen Würfen. Wohl nicht von ungefähr ist ein Kapitel mit „Gnosis“ überschrieben. Ein weiteres mit „Sammlung Prinzhorn“. Es ist eine Hommage an das Interieur jenes Heidelberger Museums, das historische Werke aus psychiatrischen Anstalten und solche von heutigen Psychatrieerfahrenen zeigt. Die Äste des Wahns, die durch die Bilder mit ihren Figurenlandschaften wachsen, hat Safak Saricicek zu Gedichten gebrochen. Sie sind sehr plastisch und farbintensiv.

Das Orchester des Wahns. Safak Saricicek hat es in beeindruckender Weise belauscht. Was für eine große poetische Empathie setzt das voraus, sich von dem Faszinosum des Wahns anleiten zu lassen, die Abbilder einer imaginierten Welt, die ihre eigenen pathologischen Wirklichkeiten entwickelt, in Sprache umzusetzen. Wie feine Kiesel fallen so ihre Gesetze in die Hände der Leser und Leserinnen. Sie sind weich und schattig und hochempfindsam: „Ich will dir Engel drucken, / den blauen Himmel / meines schmorenden Herzens // zur Tinte dir und den Fallenden / geben, geben diesen Schein. / Ich trag dem auf, dem Alten / im Baumkern schlummernd: / Den allen Erlass! // Sag, was habe ich denn, / außer den Drachen meiner Nächte, / was außer den Sphinxen meiner Ungeduld, / nur den Stern, nur Stern meiner Engel, / er ist ein Blau.“ Ein herausragendes Pas de deux von Kunst und Wahn bringt sich damit in die Leseerfahrung.

Dann wieder begeistert dieser Lyriker mit Gedichten, die wie „Speicherstadt am Tage“ dem Schmelz einer Hamburg Impression geschuldet sind, der haften bleibt. Ein morbider Aufriss der markigen Tristesse dieses Ortes offenbart sich: „Mit Ziegelaugen stehn Gesichter / auf beiden Seiten vom flüchtigen Fleet. // Moos beißt hundert Jahre in ihre Hälse / und mit Schießscharten stehen sie da stumm: //“ Man muss es gelesen haben.

Safak Saricicek ist ein Gedankenweber. Er webt ungewöhnlich starke Tücher, die reif und weise sind, bemerkenswert für einen so jungen Mann. Der Lyriker ist 1992 geboren. Die Substanz ist prächtig und scharfsinnig, berührt die geheimen Punkte unseres Daseins, auch ihre verwitterten Gebrechen: „Wir kranken am Auswurf unserer Kreation: Sie ist zuerst in Sprachen gespritzt. //“

Zuweilen findet man einen Hauch von Pathos, das Stiefkind der Gegenwartslyrik. Gern wird er als Makel bezeichnet. Dieser Lyriker lehrt uns, dass dies völlig unbegründet ist. Der Pathos in dieser Dichtung ist überaus originell und spannend, sorgt für ein sonores Beben, das überrascht und sich genießen lässt, weil es unaufdringlich bleibt wie eine Wintersonne.

Die Lyrik von Safak Saricicek zeichnet Chiffren in die Spuren der Schönheit innerer und äußerer Orte, auch ihrer Melancholie: „Einsamkeit hat ihre Jahre vermietet / Einsamkeit, schwere Majestät //“. Dieser Dichter hat eine ganz außergewöhnliche Stimme.

Im Sandmoor ein Android. Safak Saricicek. Quintus-Verlag. Berlin 2021

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