Großstadtkosmogonie

Der von Henning Kreitel in diesem Jahr vorgelegte Lyrikband „im stadtgehege“ ist beunruhigend schön und scheint wie im Fieber geschrieben. Er ist hitzig im besten Sinne. Ganz unmittelbar sprechen die zumeist kurzen Gedichte zu uns. Sie sind ergiebig, kompakt, treffsicher, dabei weithin herrlich dicht und höchst poetisch. Großstadtszenarien in all ihren Vibrationen stehen dabei im Fokus, die „regenbrünstige stadt“ mit ihren „blitzstöße(n)“ im „trocknen straßenschoß“, „/wieder und wieder ins Ziel/“.

Der Anblick eines Kaugummis auf dem Bürgersteig veranlasst zum Entwurf einer Kosmogonie: „/breitgetretenes firmament / ein frischer Stern /zieht fäden unterm schuh/. Die Sprachbilder sind eindrücklich und lassen staunen, auch wenn „dürre Äste“ „schlapp Applaus“ „zittern“, denn Kreitel gelingt eine spannende Gewichtung, bei der die Natur zur Randgruppe wird, agil zwar, aber ausgegrenzt vom Geschehen. Damit haben sich der Städter und die Städterin zu arrangieren. Was bleibt in der bedrängenden Metropole – Berlin vielleicht -, die Sehnsucht nach Wiesen und Wald. Sie findet ihren blauen Ausdruck in den dem Gedichtband beigegebenen Cyanotypien, die der Lyriker, der auch Fotograf ist, selber erstellt hat.

Oder wird hier eine Gegenwelt geschaffen, fernab der „verlockenden Möglichkeiten“, mit denen das lyrische Ich seine „leere“ füllt? Dabei ist Melancholie gar nicht mal zu spüren in den Texten, eher wird das Bedrohliche schriller, lauter Künstlichkeit beschrieben, das dennoch eine gewisse Faszination hat: „/ein augenblick/entscheidet/raubtier oder beute/. Das euphorisiert.

Und diese Faszination sorgt auch für Geborgenheit, Geborgenheit inmitten von Reizüberflutung, die eigentlich für permanente Überforderung sorgt. Ein Paradox, das Kreitel meisterhaft in seinen Gedichten inszeniert. Pseudoindividualität gehört dazu: „das urteil spreche ich / mit alufolienhelm und / frettchen an der leine /.  

Man hat es hier mit einem wirklichen Dichter zu tun, der mit wenig Raum auskommt, um große Zusammenhänge in fein vibrierenden Schattierungen und Überlagerungen zu erfassen, breite Linien auf Punkte zu verengen, die sich einprägen. Das ist eine Art von Lyrik, die ich besonders liebe.  

undefined .      im stadtgehege, Henning Kreitel, Mitteldeutscher Verlag 2020, Halle (Saale)                                            

Blaues Glas

Ich habe Nacht vergossen auf deinem Pergament

in weichen schönen Linien geträumter Flächen

deine Stille berührt

in hellroten Tagen mit anthraziter Musik

stummes Gleiten des weißen unter den schwarzen Schwänen

in enge Zimmer mit Nägeln in den Seelen

nun öffne ich das blaue Glas der Fenster

zur Sonne hin

Du willst mich wachsen sehen

Salzlicht

Ich singe mit dem Boden und esse mit dem Wind

und liebe dich in der See. Die warme Erde –

Salzlicht auf meiner Haut.

Sie malt mich in ihr Bild inmitten der grünen Feuer

bis meine Winterschritte zu Sommer werden.

Ich horche an den Erdbeergerüchen und gebe

den Schwalben ein Stück meiner Empfindsamkeit.

Dann lese ich die Geschichten unter den Steinen, die von früher erzählen.

Vor hunderten von Jahren hat sie ein Mensch berührt.

Ich hebe seinen Traum von Lavendel (vielleicht)

und lege meinen von Mohn dazu.

Ich bin hier Traum in hunderten von Jahren. Wer wird mich heben?

Seide und Erde

Meine Heimat ist

auf dem violetten Seidenpapier

in dem Licht in mir, das das Dunkel erzeugt.

Ist in den Wörtern, den Fischbeständen des Geistes,

die durch Täler schwimmen und Apfelbäume setzen,

inmitten von Sargträgern und Clowns,

Kinderlachen und den Klagen der Greise in Archangelsk,

Vietnam und Lissabon.

Ist das Fieber der Erde in meinen

Sätzen, die zu Seevögeln werden über der Isle of Skye.

Ist die grüne Weide meiner Gedanken mit ihren

Müttern aus Krieg und Frieden.

Aber erst wenn der Tod stirbt am Leben, bin ich gerettet

in meinem Gedicht,

meiner Heimat.

In mir.

In dir.

Für dich

in Feuerland.

Mit meinen Wörtern aus Seide, die nach Erde riechen.

Lyriktagebuch Frühjahr 2020

Ich bin Lyrikerin und Malerin und lebe und arbeite im Lyrikatelier Fischerhaus, in dem meine Texte und Bilder entstehen. Zurzeit schreibe ich an einem Lyriktagebuch und gebe hier einen Einblick mit einem Auszug, der in den frühen Morgenstunden entstand, als das eindringende Sonnenlicht sich um die Spitzen des Olivenbäumchens meines Wohnzimmers legte und der Horizont sich näherte:

8. März

Ich trage meinen Ring am Zweig des Olivenbaumes

und fühle den Duft von Lavendel,

der meine beredten Hände zum Schweigen bringt

für die Muschel eines Moments,

in die ich deine Perlen lege und atme …

dann zeichne ich ihre Ankunft in den Silberbogen des Mondes

auf das Papier meiner Zeit.

Lyrikliebe

Dieser Blog ist ein Spiegel von Innenwelten und Außenwelten, der die Verlässlichkeit der Formen infrage stellt und das milde Licht der Transzendenz genießt. Dazu dienen Lyrik und Bilder aus meinem Atelier sowie Texte zur Poesie in erster Linie, aber auch meine Rezensionen zu Lyrikbänden anderer, die mir auffallen und besonders am Herzen liegen.

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