Zaunkönig

Äste schlagen im Morgenwind gegen das Fenster.
Nägel, die die Stille durchbohren. 
Ich vergrabe das Stigma in roter Erde, 
als meine Haut aus Papier an den wilden Flüssen zerreißt.
Die Farbe auf der Palette aber ist wie eine Katze, 
die um meine Beine streicht.
Im Zimmer die Orange. 
Ich öffne ihre Gestalt und trinke ihre Phantasie.
Sie sammelt sich in den Mundwinkeln des weißen Blattes, 
über das die Kugel deiner Einsamkeit zu rollen beginnt.
Schwer ist sie, so dass ich sie kaum ertrage. 
Ich blicke in die Blutleere der Engel
auf der Piazza meines Handrückens 
und gebe dem Zaunkönig deine Stimme. 
Er sitzt auf dem Baum vor der gläsernen Tür,
die mit dem Winter zerspringt.
In Jerusalem liegt mein Geist in Scherben. 


(Auszug aus dem Gedichtzyklus "Chagalls Traum") 

Kerstin Fischer             

Veränderungen

Ich habe mich dazu entschlossen, künftig keine Rezensionen mehr im Lyrikatelier zu schreiben. Meine eigenen Texte fordern nun meine ganze Aufmerksamkeit, auch weil es nun größere Projekte wie Gedichtzyklen geben wird. Derzeit in Arbeit befindet sich „Chagalls Traum“, in dem Grenzerfahrungen des lyrischen Ichs, Liebe, Tod, der Schaffensprozess und das Vexierbild der Wirklichkeiten zentrale Rollen spielen.

Einzelne Gedichte und Zyklen sollen in einem Manuskript für einen Lyrikband zusammenfließen, das ich dann Verlagen anbieten möchte.

Fenster zum Meer. Acryl auf Leinwand. Kerstin Fischer 2019

Violinenspiel II

Die Blätter im Park wie Schuppen an unglücklichen Fischen.
Über dem zugefrorenen Teich das geschwärzte Gesicht des Schmerzes
Meine Schritte brechen ein.
Das Aufflattern der Vögel bleibt unbemerkt.
Ich blute Mohn aus unerreichbaren Sommern mit warmen Mähnen. 
Meine Kinder leben unter der Decke des Schnees, 
auf immer noch schwarzem Samt. 
Der Tod spielt Violine, mit den Noten in meiner Hand. 
Und er spielt schön. 


Kerstin Fischer     

Raum

Mein wildes Hirn liegt in deinen weichen Decken.
Du flüsterst in meine Art, auf den Wiesen zu liegen. 
Die nassen Farben in meinem Aquarell sind Herden. 
Du treibst sie in Häuserschluchten.
Sie sind gefangen. Weit ab vom Meer öffne ich ihren Willen.
Er fließt in mein von Pfauen bewohntes Haus. 
Ich erzähle dich neu, von deinem Herz aus Sand 
und den harten, gnadenvollen Stößen - 
Sandphantasie, die erst im Gefieder meiner Sprache zerfällt. 
Sei wieder mein Regen, meine Ankunft, meine Absicht,
meine Schuld. Mein Raum.

(Auszug aus dem Gedichtzyklus "Chagalls Traum") 


Kerstin Fischer          
  

Gebrochene Federn





Eine unreife Pflaume fällt von dem dürren Baum, 
jetzt noch und immer schon
verbrennen die Totenlichter das raue Fell des Novembers.
Dein Gesicht kommt aus dem feinen Regen, 
der mir auf die kranken Schultern fällt. 
Siehst du das Blut an meinem Haus? 
Geh vorüber, wenn meine blasse, dünne Welt in Nächte sinkt. 
Ich bleibe ganz still, ganz still, 
bis mich Schwäne rufen und ich Gräben 
um die neuen Tage violetter Sommer ziehe, 
mit gebrochenen, schönen Federn aus Licht. 



Kerstin Fischer     

statt einer ankunft. Ulrike Bail

Das lyrische Ich ist unterwegs in Luxemburg zwischen den Bus- oder Tramhaltestellen der Linien binnchen – parc de l´europe und aéroport – val fleuri, aber auch an den arrêts supprimés, den aufgehobenen Haltestellen. Die einzelnen Stationen haben in den von ihnen inspirierten Texten etwas von Sternen einer neu zu entdeckenden Galaxie: „im regenspiegel der stadt / zerfällt mein gesicht in lichter /“. Die Orte, denen diese feine Lyrik erwächst, sind alltäglich, bodenständig, geerdet. Das intensive Gewebe dieser Poesie, das Ulrike Bail über die Verortung gespannt hat, scheint ein geheimnisvolles Karma zu bergen, auch wenn die Gedankenbilder wie unwillkürlich daherkommen, was ihnen etwas Spielerisches, zuweilen Traumtänzerisches gibt, kostbar allemal, mit einer Wahrnehmungsrhythmik, die etwas von einem venezianischen Fächer hat, der auf– und abgespannt wird. Auch Skurriles findet dabei zarten Platz, wenn ein längst Verstorbener an der Haltestelle wartet, mit „einem strauß blumen im arm“.

Der Übertritt des Details in die Räume des Inneren wird gefeiert in diesen kleinen großen Gedichten. Und dies im besten poetischen Sinn. Dabei scheint der Prozess der Wortfindung seidenweich, mit Rücksicht auf die Nuancen. Geraten sie zufällig in den Blick oder werden sie gesucht? Die Frage kommt auf beim Lesen dieser Verse, die so filigran sind, dass sie die Antwort in der Schwebe halten: „beim passieren der haltestelle / albert borschette verfängt sich / der blick zwischen den stäben / eines riesigen vogelkäfigs / verknüpft leere und flügel / die geöffnete tür //.“

Das lyrische Ich bleibt vor allem ein Nomade der Phantasie. Die permanten Ortswechsel in diesem Lyrikband korrespondieren mit dieser Erkenntnis, die doch so naheliegend ist. Immer sind auch wir auf Reisen in unserer Phantasie. An die Stelle der „ankunft“ tritt das Unterwegssein. Der Duktus ist mal erregt, mal wohltemperiert, wie in diesen Texten, die eine sehr talentierte, wachsame Dichterin geschaffen hat: „führe ich dorthin stiege aus bei avenir/ folgte dem bogen der straße / dem stürzenden wald / aufgestanzt die hoffnung ich könnte / sie öffnen dir wieder spannen /“. Die schön geformte Unruhe widersetzt sich letztlich dem Tod. Vielleicht gerade deshalb wirken die Gedichte wie magische Impulse. Dabei sind sie bildträchtig auf engstem Raum. Die hohe Konzentriertheit erschließt sich Erfahrungsräume, die exzellent durchbuchstabiert werden, vordergründig mit dem Nötigsten auszukommen scheinen, dann aber in weite Sphären vordringen, die staunen lassen: „den winter im mund durch die leere / stadt fahren in der hand den ausgesperrten atem / gebete wie einwegtücher oder gestrüpp /“.

Dennoch wird er nicht ausgelassen, der Tod, ist vor allem auch Thema an den arrêts supprimés, die sich als eigentliche Trauerorte entpuppen, die das lyrische Ich einfordert vom öffentlichen Nahverkehr.

Alles in allem ist dies eine bestechende Poesie urbaner Bewegungen, feinfühlig, konsequent und wunderbar ästhetisch: „den sitz neben mir halte ich frei / geister nehmen platz / zitternd leicht“.

statt einer ankunft. Ulrike Bail. Conte Verlag. St. Ingbert 2021

Winterpsalm





Die dunkle Zunge der Nacht leckt über die Muscheln am Strand.
Ich öffne ihre Seelen. Meerblut fließt über meine Hand, 
fließt in meine Oleanderknospe, die den Winter bricht.
Vor dem stinkenden Felsen das getötete Schaf, dennoch.
Ich höre das stumpfe Jaulen der Erde,
an dem die Glasaugen der Gotteshäuser zerbrechen. 
Die Lungen meines Schmerzes sind 
weiße Schmetterlinge über süßem Brot.
An meinen Stiefeln klebt Salz, der stille Samen, 
immer noch. Fern und nah. Dein Feuer. Dein Eis. 
Im Schatten des Morgenrots schwangeres Warten, dünnhäutig
wie dein schönster Fisch. 


Kerstin Fischer       
    
 
 
Lyrikatelier Fischerhaus

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