Abschied. Notat I

Bald verlasse ich mein Haus, mit seinen Wänden aus Veilchen.
Aus dem kalten Koffer in dem dunklen Zimmer
fließt die Silhouette des Südens. Ich öffne ihre Muscheln.
Der Winter hat sie leicht und leer getrocknet. 
Ich fülle sie mit Stirb und Werde. 
Das gierige Maul des Koffers verschlingt die Gedanken an Wäsche.
Wäsche für ein Jahrhundert im Schnee. 
Sie hängt an den Kirschbäumen im Garten,
unter denen der Tisch und die Stühle sich Girlanden erschweigen, 
aber die Sommerfeste sind im Ende der Kindheit versunken,
an der Kreuzung zwischen Tag und Nacht. 
Silberner Mond in meiner Hand. 
Die Zopfspange im Sand wie ein Fossil im erdnahen Erinnern. 
Meine Schritte weben den Teich, in dem der Junge ertrank -
das bleiche Licht über dem Moos. Die Geister sind nass. 
Bald verlasse ich mein Haus, für die grobe Weile einer Zeit. 


Kerstin Fischer     
  
      

	

Durst





Ich bin breiter Strand für die Nachtvögel, 
die durch den Tag schimmern, meervergessen. 
Sie picken ihre zeternden Visionen in den Sand.
Er fällt durch die Zeiger der Uhren auf mein Krankenlager,
das Soldaten umstellen, im toten Winkel des Lichts. 
Gestern noch, als die Wachsabdrücke der Verstorbenen
scharfzüngig  waren.
Und heute am Berg die Bienen. Sie stechen in die Nacht. 
Am Randstück der Träume. 
Stufen.
Ich gehe hinab. Ich gehe hinauf. Mein Fieber ist Durst. 


Kerstin Fischer      

Preludio





Meine Gebrechen sind getauft wie das Wasser im Fluss.
Schneehaut, die sich vom Körper lösen wird, 
in der großen Klinik mit ihrem unbescholtenen Weiß.
Noch gehen sie mit mir an zotteligen Krücken
durch den Garten. Der Klang des Mooses erbt ihr Gesicht. 
Jeder Knochenschrei eine Note im endlichen Schatten. 
Die Endlichkeit ist ein großer Heißluftballon, 
mit dem ich Gebirge streife. 
Am Morgen noch klare, blutwarme Sicht, 
bis in das kräftige Schweigen der Birnen. 
Ich zähle die Zukunft der Walnüsse. Ihre Wege sind bleich
wie die Hände der Söhne. 
Tote Schmetterlinge in unreifen Träumen. Seid mein Kokain!
Nur die Ameisen sind auf der Flucht vor dem Gerede. 
Ich warte auf die Zeit, in der ich wieder mit Venedig schlafe
und die Flügel meiner Beine dazu laut schlagen.


Kerstin Fischer       

Über Nacht

Ich laufe durch die klaren Geheimnisse in den Tauben.
Noch ist Nachtwein auf den Lippen der Gräser. 
Blutweiß am Baustoff der Gebete sinken Bilder in den Schlaf. 
Ich will sie nicht wecken, weil längst
reife Birnen in den Gang der Dinge fallen. 
Das Leder ist weich und schön in meinem durchsichtigen Traum. 
Dein warmer Puls vor meinen Booten aus Salz. 


Kerstin Fischer 

Rhapsodie rouge

Aus meinen alten Stiefeln sinkt Zeit
in verlassene Schulen. Davor die umgebrochenen Bäume.
Eichen, Ahorn, an denen Schwefel klebt und Wind, heiser
auf Messers Schneide. Die Tafel bellt wie ein Hund im Moor. 
An den Haken im Flur hängen Gerüche, 
deren Ideen die Jahre überlebten. 
In den Städten suchen sie nun nach ihrer welken Haut, in Rom
und Amsterdam, in dem sich Cannabis um seine Kiffer kringelt. 
Die Aussicht auf die Grachten ist noch Jungfrau.
Die Hausboote aber sind längst geschlachtet
und die Nutten in den Fenstern ausgeweidet.
Rotlicht. Milieustudie. Ihr Ernst ist heiß und ebenerdig. 
Die langen Fingernägel schlagen das Herz aus den Scheiben,
bis der Samen in Scherben fällt. 
Die Skizze auf meinem Blatt aber bleibt, 
von der Frau mit dem schönen, bleichen Gesicht. 


Kerstin Fischer        
    

Der Hunger der Magnolien

Immer noch spüre ich den Hunger der Magnolien
aus dem Park. Mein weicher Mund an der Nacht. 
Ich falle von den Rippen der Erde in die Hände Baudelaires.
Die bissigen Fische in meinem Bauch verlieren an Gier daraufhin.
Mein Spiegelbild läuft schon vor, bis zum Zug nach Paris. 
Am Montmartre fliehen meine Kreidezeichen aus schwangeren Mauern. 
Ich lege sie aus zwischen den Menschen auf der Rue Francoeur. 
Sie zerbrechen den weißen, jungen Sarg. 

Die alte Hand aus Regen und ihre glänzende Angst.
Immer noch spürt sie den Hunger der Magnolien ohne Grab. 


Kerstin Fischer 

Die Melancholie des Papiers

Die Schatten klettern wie Tiere aus ihren Käfigen. 
Sie laufen in Seide durch den Garten
und küssen die Bäume schwarz und schwer. 
Schwerer Duft, in den die Reife der Birnen fällt. 
Mein Haus, ein Winternest an den Zitzen des Sommers. 
Vor mir auf dem Tisch die leere Tasse Nacht. 
Ich breche das Brot zu Weisheit, bis es Zufall wird. 
Zufällig stehe ich im Wundmal der Gabelung. 
Der Weg am Wasser ist stumm. 
Sein Echo im Spiegel der Stille
gleitet in die Melancholie des Papiers
und sein Warten in trägem Anthrazit.
Ich gehe am Wasser und werde Wort. 


Kerstin Fischer   
 

Überwintern

In meinen Händen trocknet Himmel. 
Ein Stück neben dir, an den sauberen Kieswegen
sind welke Blätter von mir abgefallen. 
Die Uhren haben Nüsse in die Zeit geträumt. 
Über meinen Schenkeln noch weißes Gift, das Blut an den Pinseln.
Es fließt bis in die Röte der kranken Stille
und kehrt nicht zurück.
Nur was fern ist, wird reiner Gesang. 
Am Boden dafür eine Taube mit gebrochenem Bein. 
Im Olivenhain werde ich überwintern. 


Kerstin Fischer

Überall, wo wir Schatten warfen. Ingrid Mylo

Ingrid Mylo spielt mit der Ambivalenz der Sinne, die mal verwerfen, dann wieder am Leben halten, verbergen, finden, träumen, lieben und trauern. Poetische Nachtkerzen sind so entstanden, die das Morgenlicht schwer macht: „Er wollte dein Lachen, aber / die Lieder, die er dir schenkte, / waren den Spinnweben gleich / abgestreifte Umarmungen, waren / Verzicht. (…)“.

Die Geradlinigkeit der Texte balanciert sanft und weich zwischen Glück und Elend: „Kämm aus meinem Herzen die Worte, / zerdrück sie auf dem Boden im Flur /“. Die Mischung der Themen, die dieser Band versammelt, ist extravagant im besten Sinne. Die Beerdigung des Bruders, die Oktobernacht, ein Frauenhaar etwa – nur ein kleiner Ausschnitt eines breiten Spektrums – bilden die poetische Hemisphäre und erleben jeweils in angenehmer Weise Verdichtung. Dabei sind die Texte in höchstem Maße aufmerksam. Die Lyrikerin legt Wert auf gut schraffierte Nuancen, die sich in poetischen Exzessen wunderbar entladen. Das ist gekonnt und zeugt von brillanter Raffinesse, die staunen lässt: „Weiter nach Süden, / vertrocknete Maisfelder, wieder und mehr, / hellbraune Borsten, nach oben gestreckt: / der Himmel wird im Dahinfahren gestriegelt, / bis sein Blau glänzt.“

Der Grablegung der Bedürfnisse folgt deren Auferstehung. Die Gedichte fordern den Schnee heraus eines bedrängten Winters, bis er in großen Flocken fällt. Dabei oszellieren sie, sind Wechselblüter, verzichten auf einen harmonischen Schutzraum. Dennoch sind sie durchwoben von einem homogenen Rhythmus, der an den Wellenschlag eines Meeres erinnert, über dem allerdings immer wieder auch Gewitter heraufziehen. Deshalb sollte man ihre Explosivität nicht unterschätzen: „(…) Die Schwäne, die du / herantreiben siehst vom Rand / einer anderen Kindheit, verwischen / den Abstand zum Grab.“

Besonders beeindruckt die schlichte Schönheit der Verse. Sie scheint elementar, als Geschenk eines langen Reifungsprozesses. Sie macht deren Mentalität so herrlich erhaben. Die Gedichte erinnern an Junistaub, der über den Lavendelfeldern der Provence im Sonnenlicht flimmert. Er legt sich um die Macht des Blühens wie eine Ernte. Ingrid Mylo bewacht diese Ernte, die Weisheit gesogen hat, die sich nicht aufdrängt, sondern schwebt. Das ist nur ein eindrucksvolles Geheimnis dieser Dichtkunst.

In sensitiver Weise wachsen die Gedichte dadurch über das Papier, färben es dunkelrot, sonnengelb und indigo, „Überall, wo wir Schatten warfen“ und diese Schatten sind bunt, das ist ihre eigentliche Wirklichkeit, ihr eigentlicher Wert. In herausragender Weise wird das in diesen Texten plastisch gemacht. Nur gute Dichtung kann die Wirklichkeit in ihrer reinen, nicht empirisch erfahrbaren Form angemessen abbilden, ein imaginiertes Ambiente schaffen, nach dem sich jeder Mensch, der Teil dieser reinen Wirklichkeit ist, auch sehnt. Ingrid Mylo ist eine Lyrikerin, die dorthin zu entführen versteht und dies in überaus überzeugender Weise: „Die Chinesen, heißt es, / lesen die Zeit / in den Augen der Katze. / Wer hätte je versucht, / in der Stille des Sees / auf jene Stunde / zu deuten, / in der der Stein / versank?“

Man muss sich auf solche Welten einlassen, die Sinne strecken, um an seinen eigenen Ursprung zu kommen. Sie sind die Abenteuer der Wahrheit.

Überall, wo wir Schatten warfen. Ingrid Mylo. edition AZUR im Verlag Voland & Quist. Berlin und Dresden 2021

Am Fenster





Über dem Tag Sonnenlicht aus Blei. 
Die Küche eine Scherbe mit dicken Lippen. 
Ich sehe durch das stumpfe Fenster. 
Am salzigen Rand des Weges liegt ein schmutziger Hut.
Er verdeckt alten Samen, der aus Wäldern strömte,
in Schwarz. 
Zwischen den Zähnen der Zeit hängt zu früher Schlaf, 
taub und schwer.
Ich pflücke Stunden wie Mirabellen und gebe ihnen mein Gelb.
An der Winterweide die Krähen.
Sie picken lange Nächte in den harten Boden. 
Der Tod ist noch ein Kind, 
das am Meer spielt,
im nächsten Sommer. 


Kerstin Fischer     

Lyrikatelier Fischerhaus

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