Die Melancholie des Papiers

Die Schatten klettern wie Tiere aus ihren Käfigen. 
Sie laufen in Seide durch den Garten
und küssen die Bäume schwarz und schwer. 
Schwerer Duft, in den die Reife der Birnen fällt. 
Mein Haus, ein Winternest an den Zitzen des Sommers. 
Vor mir auf dem Tisch die leere Tasse Nacht. 
Ich breche das Brot zu Weisheit, bis es Zufall wird. 
Zufällig stehe ich im Wundmal der Gabelung. 
Der Weg am Wasser ist stumm. 
Sein Echo im Spiegel der Stille
gleitet in die Melancholie des Papiers
und sein Warten in trägem Anthrazit.
Ich gehe am Wasser und werde Wort. 


Kerstin Fischer   
 

Überwintern

In meinen Händen trocknet Himmel. 
Ein Stück neben dir, an den sauberen Kieswegen
sind welke Blätter von mir abgefallen. 
Die Uhren haben Nüsse in die Zeit geträumt. 
Über meinen Schenkeln noch weißes Gift, das Blut an den Pinseln.
Es fließt bis in die Röte der kranken Stille
und kehrt nicht zurück.
Nur was fern ist, wird reiner Gesang. 
Am Boden dafür eine Taube mit gebrochenem Bein. 
Im Olivenhain werde ich überwintern. 


Kerstin Fischer

Überall, wo wir Schatten warfen. Ingrid Mylo

Ingrid Mylo spielt mit der Ambivalenz der Sinne, die mal verwerfen, dann wieder am Leben halten, verbergen, finden, träumen, lieben und trauern. Poetische Nachtkerzen sind so entstanden, die das Morgenlicht schwer macht: „Er wollte dein Lachen, aber / die Lieder, die er dir schenkte, / waren den Spinnweben gleich / abgestreifte Umarmungen, waren / Verzicht. (…)“.

Die Geradlinigkeit der Texte balanciert sanft und weich zwischen Glück und Elend: „Kämm aus meinem Herzen die Worte, / zerdrück sie auf dem Boden im Flur /“. Die Mischung der Themen, die dieser Band versammelt, ist extravagant im besten Sinne. Die Beerdigung des Bruders, die Oktobernacht, ein Frauenhaar etwa – nur ein kleiner Ausschnitt eines breiten Spektrums – bilden die poetische Hemisphäre und erleben jeweils in angenehmer Weise Verdichtung. Dabei sind die Texte in höchstem Maße aufmerksam. Die Lyrikerin legt Wert auf gut schraffierte Nuancen, die sich in poetischen Exzessen wunderbar entladen. Das ist gekonnt und zeugt von brillanter Raffinesse, die staunen lässt: „Weiter nach Süden, / vertrocknete Maisfelder, wieder und mehr, / hellbraune Borsten, nach oben gestreckt: / der Himmel wird im Dahinfahren gestriegelt, / bis sein Blau glänzt.“

Der Grablegung der Bedürfnisse folgt deren Auferstehung. Die Gedichte fordern den Schnee heraus eines bedrängten Winters, bis er in großen Flocken fällt. Dabei oszellieren sie, sind Wechselblüter, verzichten auf einen harmonischen Schutzraum. Dennoch sind sie durchwoben von einem homogenen Rhythmus, der an den Wellenschlag eines Meeres erinnert, über dem allerdings immer wieder auch Gewitter heraufziehen. Deshalb sollte man ihre Explosivität nicht unterschätzen: „(…) Die Schwäne, die du / herantreiben siehst vom Rand / einer anderen Kindheit, verwischen / den Abstand zum Grab.“

Besonders beeindruckt die schlichte Schönheit der Verse. Sie scheint elementar, als Geschenk eines langen Reifungsprozesses. Sie macht deren Mentalität so herrlich erhaben. Die Gedichte erinnern an Junistaub, der über den Lavendelfeldern der Provence im Sonnenlicht flimmert. Er legt sich um die Macht des Blühens wie eine Ernte. Ingrid Mylo bewacht diese Ernte, die Weisheit gesogen hat, die sich nicht aufdrängt, sondern schwebt. Das ist nur ein eindrucksvolles Geheimnis dieser Dichtkunst.

In sensitiver Weise wachsen die Gedichte dadurch über das Papier, färben es dunkelrot, sonnengelb und indigo, „Überall, wo wir Schatten warfen“ und diese Schatten sind bunt, das ist ihre eigentliche Wirklichkeit, ihr eigentlicher Wert. In herausragender Weise wird das in diesen Texten plastisch gemacht. Nur gute Dichtung kann die Wirklichkeit in ihrer reinen, nicht empirisch erfahrbaren Form angemessen abbilden, ein imaginiertes Ambiente schaffen, nach dem sich jeder Mensch, der Teil dieser reinen Wirklichkeit ist, auch sehnt. Ingrid Mylo ist eine Lyrikerin, die dorthin zu entführen versteht und dies in überaus überzeugender Weise: „Die Chinesen, heißt es, / lesen die Zeit / in den Augen der Katze. / Wer hätte je versucht, / in der Stille des Sees / auf jene Stunde / zu deuten, / in der der Stein / versank?“

Man muss sich auf solche Welten einlassen, die Sinne strecken, um an seinen eigenen Ursprung zu kommen. Sie sind die Abenteuer der Wahrheit.

Überall, wo wir Schatten warfen. Ingrid Mylo. edition AZUR im Verlag Voland & Quist. Berlin und Dresden 2021

Am Fenster





Über dem Tag Sonnenlicht aus Blei. 
Die Küche eine Scherbe mit dicken Lippen. 
Ich sehe durch das stumpfe Fenster. 
Am salzigen Rand des Weges liegt ein schmutziger Hut.
Er verdeckt alten Samen, der aus Wäldern strömte,
in Schwarz. 
Zwischen den Zähnen der Zeit hängt zu früher Schlaf, 
taub und schwer.
Ich pflücke Stunden wie Mirabellen und gebe ihnen mein Gelb.
An der Winterweide die Krähen.
Sie picken lange Nächte in den harten Boden. 
Der Tod ist noch ein Kind, 
das am Meer spielt,
im nächsten Sommer. 


Kerstin Fischer     

Wo die Morphine tanzen

Das Krankenhaus öffnet seinen weißen Schlund.
Ich zähle die Tage wie Ameisen, 
die über meine unruhigen Hände krabbeln. 
Meine Beine sind nah am Tod der Tauben. 
Der Park, noch einmal der Park mit seinen arroganten Bäumen.
Meine Schritte tropfen ein Morgenlied 
in das Trockeneis meiner Gedanken. 
Ich haste in unbekanntes Land, 
in dem die Flure glänzen wie fette Aale.
Mein Zimmer ist hinten links, an den Spangen des Abgrunds, 
wo die Morphine tanzen. 
Orangen fallen aus der Idylle des Wintergartens
und versüßen die weißen Lager, wenn die Katheter säuseln,
mitten in Paris. Ich gehe durch den Louvre, 
auf den Zehenspitzen meines Traums. 
An mir vorbei Ärzte wie Gänse im Gras. 


Kerstin Fischer         

Porträt schöner Aussicht

Die Amselschwere über der Haut des Gartens
an den Flimmerhärchen des Möglichen. Rostrot.
Der Horizont blüht über die Schatten des kranken Tieres.
In den Mitternachtsuhren richten sich die Ziffern nach Süden aus,
denn die Straße ist weit und hat helle Flügel.
Das Haus reift am Hang wie zahmer Wein.



Kerstin Fischer    

	

Wunde Steine

Ich baue mein Haus in die Blausterne aus Florenz, 
an die Abbruchkante meiner essiggetränkten Wege.
Aus den Tagen in der Klinik fällt Metall
in meinen Schoss. Meine Schrift friert.
Ich rette Buchstabe um Buchstabe aus dem sterilen Meer.
Die Wasserzeichen duften schon nach Schnee. 
Noch ist die Zeit aus Papier. Mein Blick ertrinkt in dem See,
der durch mein Fenster fließt. Ich reite die Fische.
Auf dem Tisch ist die Nacht verschüttet wie Wein. 

Ich baue mein Haus in die Blausterne aus Florenz. 
Tropfen um Tropfen. Geist um Geist. 
Und auf dem verlassenen Hügel stillt die Mutter die Angst.

Ich baue mein Haus, schön und hell, mit wunden Steinen in rosé.   
  
     

Im Sandmoor ein Android. Safak Saricicek

An den Flügeln des Lichts sind die Verse von Safak Saricicek zu finden. Dies in einer poetischen Reinheit, die ihresgleichen sucht. Die Wörter bilden Metropolen, die sich zu Gestirnen fügen im wachen Wind der Phantasie. Dabei reiben sich die Gedichte in die Zeit wie bittende Violinen: „Ich schabe den Schnee ab, mit Fühlern / von Buchkrusten den Schnee aus Fliegen aus Staub / und bald wintert es. / Was ich abschabe. // Nimm so viel Perlmutt, so viel Onyx / wie du willst, Perlmuttfliegen, greif Onyxmücken, / greif den ganzen Winter, bald / dreh auf Libellen.“ Zarte Berichte sind das, die durch die Membranen des Lebens blicken. Die Erkenntnisse, die daraus gewonnen werden, sammeln sich in pittoresken sprachlichen Würfen. Wohl nicht von ungefähr ist ein Kapitel mit „Gnosis“ überschrieben. Ein weiteres mit „Sammlung Prinzhorn“. Es ist eine Hommage an das Interieur jenes Heidelberger Museums, das historische Werke aus psychiatrischen Anstalten und solche von heutigen Psychatrieerfahrenen zeigt. Die Äste des Wahns, die durch die Bilder mit ihren Figurenlandschaften wachsen, hat Safak Saricicek zu Gedichten gebrochen. Sie sind sehr plastisch und farbintensiv.

Das Orchester des Wahns. Safak Saricicek hat es in beeindruckender Weise belauscht. Was für eine große poetische Empathie setzt das voraus, sich von dem Faszinosum des Wahns anleiten zu lassen, die Abbilder einer imaginierten Welt, die ihre eigenen pathologischen Wirklichkeiten entwickelt, in Sprache umzusetzen. Wie feine Kiesel fallen so ihre Gesetze in die Hände der Leser und Leserinnen. Sie sind weich und schattig und hochempfindsam: „Ich will dir Engel drucken, / den blauen Himmel / meines schmorenden Herzens // zur Tinte dir und den Fallenden / geben, geben diesen Schein. / Ich trag dem auf, dem Alten / im Baumkern schlummernd: / Den allen Erlass! // Sag, was habe ich denn, / außer den Drachen meiner Nächte, / was außer den Sphinxen meiner Ungeduld, / nur den Stern, nur Stern meiner Engel, / er ist ein Blau.“ Ein herausragendes Pas de deux von Kunst und Wahn bringt sich damit in die Leseerfahrung.

Dann wieder begeistert dieser Lyriker mit Gedichten, die wie „Speicherstadt am Tage“ dem Schmelz einer Hamburg Impression geschuldet sind, der haften bleibt. Ein morbider Aufriss der markigen Tristesse dieses Ortes offenbart sich: „Mit Ziegelaugen stehn Gesichter / auf beiden Seiten vom flüchtigen Fleet. // Moos beißt hundert Jahre in ihre Hälse / und mit Schießscharten stehen sie da stumm: //“ Man muss es gelesen haben.

Safak Saricicek ist ein Gedankenweber. Er webt ungewöhnlich starke Tücher, die reif und weise sind, bemerkenswert für einen so jungen Mann. Der Lyriker ist 1992 geboren. Die Substanz ist prächtig und scharfsinnig, berührt die geheimen Punkte unseres Daseins, auch ihre verwitterten Gebrechen: „Wir kranken am Auswurf unserer Kreation: Sie ist zuerst in Sprachen gespritzt. //“

Zuweilen findet man einen Hauch von Pathos, das Stiefkind der Gegenwartslyrik. Gern wird er als Makel bezeichnet. Dieser Lyriker lehrt uns, dass dies völlig unbegründet ist. Der Pathos in dieser Dichtung ist überaus originell und spannend, sorgt für ein sonores Beben, das überrascht und sich genießen lässt, weil es unaufdringlich bleibt wie eine Wintersonne.

Die Lyrik von Safak Saricicek zeichnet Chiffren in die Spuren der Schönheit innerer und äußerer Orte, auch ihrer Melancholie: „Einsamkeit hat ihre Jahre vermietet / Einsamkeit, schwere Majestät //“. Dieser Dichter hat eine ganz außergewöhnliche Stimme.

Im Sandmoor ein Android. Safak Saricicek. Quintus-Verlag. Berlin 2021

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