Es wird Tag

Stadtlärm sinkt in die nächtlichen Pfützen,

macht sie grauhäutig, wie meinen Verdacht.

Graue Katzen auf breiten, wimmernden Straßen.

Das Licht unter den brüchigen Fragen wittert meinen Geruch.

Die Piazza hält ihre Lider geschlossen immer noch

verwaiste Zigarettenstummel auf dem Asphalt, träge und rot geküsst.

Ich lehne mich an die Mauer, die in bloße, klare Himmel fällt.

Die Nacht verblutet.

Es wird Tag.

weil es keinen grund gibt für grund. Axel Görlach

Eine Kraftader geht durch die Gedichte von Axel Görlach, die mit eindrucksvollen Details poetische Krater aufreißt, wie in dem Zyklus „slavkovský les – grenzland“ des Bandes: „dahinter die blühende rodung / mit einem torso aus holz, schlafsäle atmen / durch vernagelte fenster den tag/“.

Immer wieder sinken Visionen des lyrischen Ichs, denen etwas Existenzielles anhaftet – obwohl aus dem Profanen, scheinbar Beiläufigen gewachsen – in neuralgische Punkte. Sie machen diese Lyrik so absolut überzeugend. Alles, was in den Blick gerät auf der Landschaftsbegehung im ersten Zyklus, ist überströmendes Ereignis: „im himmel wurzeln mit kahlen ästen die ufer / bäume, die nicht geborgenen / krähen fliegen ihre spiegelbilder / unter das eis & meine lider /“. Die Bilder greifen tief und berühren intensiv. Man ist wie betäubt von dem poetischen Licht, das Axel Görlach mit seinen Versen aussendet und mit eigenen phantastischen, kunstfertigen schwarz-weiß Fotografien untermalt. Eine feine Verstiegenheit ergibt sich, die die Leser und die Leserinnen mit auf die Reise nimmt, bei der sie in der Obhut einer gleichsam souveränen als auch empfindsamen Dichterstimme bleiben. In behutsamen Schritten werden dabei die Landschaftsbetrachtungen mehr und mehr zu Intarsien: „nebel zieht durch zugvögel / die sich auflösen, ein sühnekreuz / sucht sich eine neue haut / aus moos & geht /“ Oder: „echos unter den erlenrinden / lenken meine stiefel bis an den fuß der treppe / sie steigen durch tautropfen / wie durch offene fenster, die mich nicht sehen / “. Man hätte sich noch mehr davon gewünscht, als es in das Kapitel mit den „Clips“ übergeht. Hier dominieren sprachliche Tumulte und Wortakrobatik, die allerdings nicht minder beeindrucken: „die architektur von wiesenblumen honig das spiel / durchsichtiger yukatafinger auf barcodes / die sich kringeln hell auf deine schulter fallen“.

Rauschhafte Bilder mit überraschenden Essenzen finden sich dann in dem Kapitel „falsche buchten“: „im magnetfeld // der u-bahn beschleunigte ratten mit / elektrischen adern das überirdische brüllen / vom schlachthof die stadt ist auch nur ein acker / auf speed jede nacht bricht zorn einen zahn /“.

Gleich in mehreren Anläufen gönnt der Lyriker der Farbe Blau eine Hommage. Grandios gemacht schwillt die Farbe in den Texten zu einem Phänomen an. Die eigene Konzentration auf Blau wird geschult, überall sieht man mit einem Mal dieses Blau: „stichblau, knirschendes zähneblau, karateblau, hoch / trainiertes, schwindelndes ewigeisblau, edelweißblau /“. Ich lege so die Schablone des Dichters in meiner Welt an, wenn er gut ist, wenn er nicht gut ist, faulen die Wörter auf dem Papier ohne Folgewirkung. Und Axel Görlach ist gut, sehr gut sogar. Man kann sich seiner Wahrnehmung anvertrauen, sie bereichert und verändert den eigenen Blick, ohne Wiedererkennung zu erwarten. So auch in dem Kapitel „Rodinia“: „weiter tragen ströme altes sprachland ab / seine echos versteinert in schluchten / “.

Ich habe mich infiziert an diesen Verästelungen, die verschiedene Wirklichkeiten durchdringen, die am Schicksal graben und seine Insassen ausfindig machen.

weil es keinen grund gibt für grund. Axel Görlach. edition keiper 2021

Mitternachtsregenbogen

Die Lichter deiner Meere sinken in meinen Schoß 
und berühren die Tränen aus Eis 
in dieser Winternacht,
die die dunklen Wälder verlassen hat, 
um ihre Kälte an unseren warmen Orangen zu verlieren.
Mitternachtsregenbogen. Ich trinke seinen Glanz
und träufle ihn auf deine weiße, lachende Haut 
im Sonnenpunkt des Glücks.    

Frühstück in Göttingen

Knuspern hinter den ausgeschorenen Nacken

an hellblauen Strickpullovern,

weil die Erhabenheit des Büffets ohne Eier auskommt.

Im Tee blasses Wanken.

Die Dichte der Unschuld vor dem Schuldigwerden des Tages.

Joghurtklacks in Müsli Chiffon.

Gläserne Früchtekultur gleich nebenan.

Marunde Leberwürste in der Lichtschranke des BMI

und Schinken wie Betten aufgeschlagen hinter Vitrinen

warten auf teiglahme Brötchen.

Obsatsalat Antigone …

Der Gauloisesmann am Katzentisch weint in sein Märchen.

Und ich beobachte die Tauben im Hinterhof,

belausche ihre Träume von Krümeln.

Rote Spur

Ich bin verloren zwischen den Spalten der Früchte,

verloren im Warten des Wintergartens.

Das orange Sonnensegel schützt meinen wachsenden Kern,

der Briefe der keimenden Nacht notiert,

die mit den gläsernen Locken der Engel spielt.

Der Morgen liegt auf der Pritsche und trinkt den Rest Mond aus den Bechern.

Ich zeichne die Linien des Vogelfluges in meine Vergangenheit.

Ohrenbetäubendes Erinnern. Im Radius meines Hirns

telepathische Hitze vom Rand der Steppe. Mein Abgrund saugt an meinen Fingern.

Hinter mir winselt das Licht. Auf dem Höhenkamm kreiselndes Nichts.

Ich sammle die welken Blätter von Eden in geschriebenen Gräben.

Sonnenglast bricht meine Wörter zu klaren Seen, in denen Täuflinge baden.

Meine Schritte aus Wind ziehen zu dir, meine Schritte aus Wind

hinterlassen diese eine rote Spur, mit dem bleichen Gesicht am Tod.

Mitbringsel. Walle Sayer

Walle Sayers Gedichte lauschen am Blau des Augenblicks, an den Überlagerungen all seiner anonymen Facetten. So wird der Augenblick zum Faszinosum und gleichsam zur Wundertüte, die sich dem Leser und der Leserin öffnet: „Morgenröte, da die Straßenlampe erlischt, jetzt, / wenn die Nachtschwester bei der Übergabe gähnt, / die Brezeln in der Bäckertüte noch offenwarm sind, / “.

Die skurrilen, wendigen Gegenüberstellungen machen die Gedichte in eleganter Weise strapazierfähig: „ Die Umschwärmten sind mit Abwimmeln beschäftigt / Uneinholbar der Vorsprung, vertändelt in der Nachspielzeit. / Zuversichtlich kandidiert ein Amtsinhaber gegen sich selbst. // “. Die vermeintlichen Nebensächlichkeiten werden dabei zu Königen. Sie laufen über Teppiche mit Jacquard Mustern: „Einen Würfelbecher schütteln, darin / eine Kastanie ist, ein Strandkiesel / und eine schillernde Murmel.“ Oder, „ Und einen dieser abgebröckelten Steine aufheben. / Anhören, was er zu sagen hat. / So bin ich aufgenommen worden. / So wurde ich eingeweiht.“.

Die Vereinigung zwischen untereinander scheinbar Beziehungslosem ist ein Kernthema dieser Dichtung, die daraus in sich geschlossene Miniaturgemälde hervorbringt, die man lieb gewinnt: „Welche Adernmuster tragen / die vertrockneten Insektenflügel / im Gehäuse deiner inneren Uhr. //“.

Walle Sayer ist wie ein Puppenspieler, der phantastische Erkenntnisse aus wenig Spektakulärem heranreifen lässt in seiner Inszenierung. Auf diese Weise entstehen glückhafte, vergnügliche Momente beim Lesen, wobei der Humor in angenehmer Hanglage verharrt, nie drängt er sich auf oder wird gar übermächtig. Mit besonderem Geschick werden dabei immer wieder bildreiche Nuancen inseriert, die in ihrer Feingliedrigkeit anrühren wie Inklusen im Bernstein.

In grandioser Weise fluten die Gedichte den Sinn des Profanen mit Lichtgloriolen, um ihn im nächsten Schritt wieder über einem weiten Mohnfeld zu zerstäuben: „Vor den Häusern lehnten Säcke / voll alter Kleider, um die / niemand gewürfelt hat. //“. So wird das Dickicht des Alltags zu einer Sinfonie komponiert, die ihres gleichen sucht: „Fensterläden applaudierten dem Wind.“.

Diese Gedichte sind feine, sprachgeschliffene Diamanten, die man noch lange nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat, für sich bewegen wird.

Mitbringsel. Walle Sayer. Klöpfer, Narr, 2019

Winterseite

Auf die Winterseite meines Spiegelbildes fällt ein Tropfen Tod.

Er schweigt mir das Licht aus der Stirn

und küsst meine rot geschminkten Lippen.

Aus den Uhren fallen bleiche Ziffern in meinen Schoß.

Ich öffne den Zaunkönigen das Fenster.

Sie fliegen in die Schatten der Fragen nach fremden Stunden

mit Gebrechen aus Wind.

Meine Zeit, eine reife Pflaume andernorts.

Sie fällt in weiche Netze, fällt weiß.

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