Frucht

Ich baue Häuser in die müden Sitzmuster des Zuges 
und ernte Trauben aus dem Gleiten der vorüberziehenden Felder
hinter den schwefligen Fenstern. 
Das Abteil ist im Sonnengebet. 
Die Fahrgäste sind mit den Vögeln gezogen. 
Allesamt. Samtene Leere 
um den Traum meiner Wörter von gelbem Papier mit Apfelgeruch. 


Kerstin Fischer 

Kyung. Eva Maria Leuenberger

„Dicteé“, daran hatte sich Eva Maria Leuenberger, die mit dem lyrischen Ich wohl gleichzusetzen ist, infiziert. Dictée ist ein „palimpsest einer fragmentierten identität“ und das einzige Buch der koreanischstämmigen, feministischen Avantgardekünsterlerin Theresa Hak Kyung Cha. Es handelt von „Identität“, „Macht“ und „Sprache“, wie den Anmerkungen Eva Maria Leuenbergers zu entnehmen ist. Der Tod Chas, die 1982 31jährig in einem Parkhaus von einem Serientäter vergewaltigt und ermordet wurde, hat die Lyrikerin stark berührt, viele Jahre später. So stark, dass sie ihr eigenes Schreiben reflektieren, einpassen, sortieren muss, um zu verarbeiten, auszuhalten. Entstanden ist daraus das empathische Kunstwerk „Kyung“, eine unglaublich schöne Symbiose aus essayistischen und lyrischen Passagen, die in graziler Weise auch Dialog bedeuten mit der Toten. Sie kommt zu Wort mit zumeist kurzen Einschüben, die graugesetzt sind, so dass alles anwächst in diesem sensiblen Pas de deux zu einer hochpoetischen Nahtoderfahrung. Das ist gleichermaßen originell, makaber und enorm zärtlich. Obendrein sind die Verse liebend, eine Liebeserklärung. Das geht unter die Haut und ist einfach atemberaubend. Was bleibt, „eine Leerstelle, wo der Name war“… Aber die Sprache, die Sprache überlebt den Körper, sie schafft Visionen, in denen er aufersteht, auch wenn sie fragil ist. „Kyung“ ist ein Schlagabtausch zwischen dem gewaltsamen Ende der Körperlichkeit und dem Beginn von Sprache, Poesie, der den eigenen Schreibprozess enttarnt. Immer haftet dabei der Leichnam Kyungs im stillen Gewebe über den Zeilen, gerade ihr Bleiben ist enthüllend: „die wahrnehmung flimmert / / die körper / streifen sich kaum / und doch: hier ist die zeit / hier ist der schnee / eine frau lebt // du lebst / immer noch / oder wieder // (…)“. „und der körper fällt, am boden eines parkhauses.“ Immer auch wird dabei nach der Physiognomie der Leere gefragt. Sie ist ein neuralgischer Punkt, der die Worte entkleidet, bis sie nackt vor uns stehen. „(…) die leere im koreanischen daoismus ist grundsätzlich. sie ist der ort in der mitte des rades, der bewegung möglich macht, der ort, wohin die stimme zieht, der ursprung von allem, ein eingang, ein neuer weg. (…)“. Im Text scheint es, als sei sie Opiat und kristalline Ferne zugleich. Eva Maria Leuenberger öffnet daran ganz neue Räume in die Transzendenz. In herausragender Weise ist ihr das gelungen: „ein körper, tot seit jahren, wird teil einer eigenen äußerung / eine neue stimme, in einem fluss aus stimmen / zuerst luft / dann nebel.“

„und der körper fällt (…) “, fällt in uns, die wir sprachlos werden angesichts dieser rohen Gewalt, fällt in das lyrische Ich, erfährt dort beschützenden Widerhall, fällt in die Worte und fällt in die Fassungslosigkeit und das Unabänderliche. Das Schicksal lässt sich nicht boykottieren. Warum war Kyung zu der Zeit an diesem Ort? „die zeit schluckt die haare und die worte und sich selbst“. Das Ende ist ein Skelett, nur einen Steinwurf weit entfernt.

Dieses Buch ist ein Meisterstück und eine wundervolle, dynamische Komposition, die in ihren Bann zu ziehen weiß.

Kyung. Eva Maria Leuenberger. Literaturverlag Droschl. Graz. Wien 2021

Wartend

Ich laufe durch das Karree des Sommers 
und ziehe an der Zigarette aus Herbst 
auf den Fluren der Klinik. Aus metallischen Mündern
fallen stumm Brote in meine wachsamen, zedernhellen Hände, 
die in Muttersprache schreiben. Gewässertes Wort. 
Am Fenster pickt die Amsel die Zeit aus den Rahmen. 
Ich gehe ein Stück mit ihr und falle in ein anderes Universum,
mit genügsameren Himmeln. Aus meiner Feder fließt blaues Blut 
in die Unendlichkeit des Papiers.
Dahinter sind die Träume ungeduldig. 
Die Wochen aber kriechen nackt über die Dürre in den Betten. 
Das Warten ist eine Mauer aus harten, farblosen Steinen. 
Und unten im Park brennt noch Mondlicht. 


Kerstin Fischer           

Sonnenwenden. Ágnes Nemes Nagy

Die Verse der ungarischen Lyrikerin Ágnes Nemes Nagy ( 1922-1991) schillern wie Seeraupen, sind unterwürfig, ohne erlegen zu sein, weiden sich, perlen, stürzen Täler hinab und vibrieren unter der Waghalsigkeit, sich einem Gott zu nähern wie in dem Zyklus „ Aus Echnatons Aufzeichnungen“: „Etwas müsste ich doch / gegen die Qual tun. / Einen Gott müsste ich schaffen, / der droben säß und sehend sähe. //“. Oder „Als ich Gott behaute, / hatte ich harte Steine ausgesucht , / härtere als mein eigener Körper, / um Ihm zu glauben, wenn Er mich tröstete.“ Diese Gedichte fordern enormen Raum, haben etwas von einem über eine Weide stürmenden wilden Pferd. Dann wieder bleiben sie verhalten, suchen Schutz unter dem Flügel eines Adlers, mit ihrer Geradlinigkeit, mit ihrem Geerdetsein. Die Poesie ist souverän bis in die Spitzen der Schatten. Und sie ist apart in Klang und Wesen: „ Das Krachen der Felsen. / Wie die gläsernen Erze der Sonne / fast zu Metall den Stein werden lassen, / den Tieren, die auf ihn treten, rauchen die Klauen, / und über der Felsmauer kreisen / die Rauchbänder brennender Hufe, / dann Nacht in der Wüste,“. Diese bizarren Szenarien aus dem Zyklus „Dazwischen“ brennen über silbernen Minuten „Zwischen Himmel und Erde“, werden zum Epos, das in den Kern der Poesie vordringt. Er ist kraftvoll und sicher bei dieser Lyrikerin und gut aufgehoben auch in den Gedichten vom Geysir, dem Sturm oder der See etwa. Poetische Eruptionen sind das, die die Vergänglichkeit auszusparen scheinen. An ihrem Kristallisationspunkt aber fließt kühles Licht, das immer wieder eher kantige Silhouetten sichtbar werden lässt. Dabei ist die Sprache nicht ohne Magie, wenn diese auch eher gemäßigt erscheint wie in dem Gedicht „Lazarus“:

„Als er sich langsam erhob, fühlte / in allen Muskeln er Schmerz um die linke Schulter herum. / Sein Tod wurde, wie Gaze, niedergerissen. / Denn aufzuerstehen ist ebenso schwer.“

Die couragierte Agnes Nemes Nagy, die als bedeutendste ungarische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts gilt, war während des Holocaust gemeinsam mit der Mutter von ihrem Ehemann, dem Literaten Balázs Lengyel, und Geschwistern an der Rettung zweier Jüdinnen beteiligt. Neben der Produktion ihrer eigenen Gedichte übersetzte sie auch Lyrik und Dramen von Jean Racine, Molière und Victor Hugo aus dem Französischen ins Ungarische und aus dem Deutschen Rainer Maria Rilke, Bertolt Brecht und Friedrich Dürrenmatt. Unter anderem wurde sie 1997 als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet.

Julia Schiff hat in Zusammenarbeit mit Peter Gehrisch die für diesen zweisprachigen Band ausgewählten Gedichte aus dem Ungarischen ins Deutsche übertragen. Dabei handelt es sich sicherlich um eine fabelhafte Übersetzung. Dennoch, die Sehnsucht, die Verse aus dem Original heraus zu verstehen, bleibt, und diese Sehnsucht ist groß.

Den „Sonnenwenden“ ist ein sehr imponierendes Nachwort von Gyözö Ferencz beigefügt.

Sonnenwenden. Ágnes Nemes Nagy. Pop Verlag. Ludwigsburg 2021

Magma

Der kommende Schnee bricht meinen Körper. 
Die schwarzen Vögel in den einsamen Fenstern traue ich mir zu
und die Scherben von Stimmen auf spiegelblanken Fluren.
Das Haus ist abgerissen für die Dauer eines Traums. 
Sechs Wochen lang in fremdem Quartier. 
Die Ruhe aus Blech liegt über der orangen Decke. 
Ich zeichne den Wintergarten in das Serviettenmuster 
und beobachte die Krümel auf dem Tisch. 
Ich schnippe sie in den grauen Puder des Teppichs, 
bis sie weiße Tauben finden, die in das Neonlicht 
fliegen, auf der anderen Seite der Straße. 
Der kommende Schnee in den Ritzen der Morgenröte, 
mein Magma für dein Papier. bricht nie. 


Kerstin Fischer       
 

Davor

Aus dem Ende fließt Licht in meine Hand,
fließt wie Milch über meine wunden Knochen, 
die auf Venedig warten.
Ich gehe entlang des Zauns.
Magerer Himmel fällt auf mein Gesicht. 
Ich ziehe meinen Karren Glück über die Schulter der Erde.
Im Zimmer der Mutter ist die Totenmaske noch Mohnblüte -
dein weißer, harter Gesang ...
Nur draußen am See ist es still vor Schilf. 


Kerstin Fischer         

Einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt. Raoul Eisele

Die Gedichte von Raoul Eisele sind zarte Libellenflügel, die sich durch das feine Geäst der Innenreiche der Geliebten des lyrischen Ichs bewegen. Dennoch, sie bleiben auf dem Weg zu „mon amour“, mit dem verborgenen Wissen, dass man den anderen weder begrenzen noch ganz erreichen kann. Alles bleibt somit grazile Annäherung an den absoluten Moment mit der Psyche des Du, hochsensibel und hochpoetisch: „eine Sonne aus Glas, aus Reflexion, mon amour /dein Schlaf und du eine Symbiose, ein ganz / gezielter Rhythmus, ein Zu- und Gegenatmen / ein An- und Abstoßen von Schwerkraft und Gravitation / von Spiegelgalaxien im Schlaf / du, bei Tag , ich / während die Sichel die Zeit zur Mahd mäht“. Diese Unfähigkeit ganz zu verschmelzen, treibt die Phantasie auf einen Höhepunkt und gebärt daraus die wundervollsten Sprachbilder, die unsere eigenen Seelenlandschaften mit eloquenter Schönheit fluten.

Und da sind diese schwarzen Löcher in den filigranen Liebesgedichten, Briefen und Selbstreflexionen, die dem Band den Titel geben. „Einmal hatten wir Schwarze Löcher gezählt“. Die schwarzen Löcher des Weltalls, die alles verschlingen, sind gemeint, aber auch jene im Kopf, im Unbewussten, denn der Kosmos verjüngt sich auch im einzelnen Muttermal, wie das Gedicht „Kosmologie“ es zum Thema macht. Die Dunkelfelder, immer wieder tauchen sie auch visuell in diesem Band in Form von geschwärzten Seiten auf, die wie Raumteiler daherkommen. Geschickt gelingt es aber das Unergründliche des geliebten Gegenübers sprachlich in blaue Spiegel zu weben. Die Angoralinie der zärtlichen Verse wird nicht verlassen. Ein empathisches Umschiffen, ein Umwittern steht anstelle des Absturzes: „als Goldfisch ohne Glas, als täte ich es zum ersten Mal / ganz frei und warm und unbekümmert / schwamm so schön in deinen Armen, wie schön / bei dir, mit dir dem Meer entgegenzulauschen“. Oder „und immer noch zwischen deinen Seiten Sand / bist Meer- und Salzkristallschönheit und irgendwo / dazwischen trocknen Blumen, klingen Zypressen durch dein / Land und du gräbst dich aus der Erde, gräbst Unaussprechliches / aus deiner Stimme, holst das Hinterbliebene hervor/“. Diese Lyrik ist so fein komponiert wie chinesische Schriftzeichen, das lässt staunen und aufmerken. In ihr findet sich die Renaissance poetischer Magie aus ferneren Zeiten. Dennoch bleibt sie en vogue. Eine Gratwanderung, die Raoul Eisele meistert. Dabei verwachsen die Sinneseindrücke mit den bildschönen Visionen in einer natürlichen Art und Weise, die staunen lässt. Die Wasseradern des Geistes werden auf diesem Wege in den Texten aufgespürt. Das Unsichtbare verschmilzt mit der Körperlichkeit. Da, wo die Träume an den Schläfen trocknen, setzt diese Lyrik an: „ so halbnächtig und schnell deine Lippen / wie sie sich schließen, das kirschrote Fleisch / zwischen den Orten ohne Bahnhof, den Orten / ohne Namen, die man auf keiner Karte mehr findet, die / man aus der Landschaft gestrichen und mit Waldzungen / übersät, diesen kleinen dunklen Tannen aus Kobalt //“. Ein sanfter, leiser, ebenmäßiger Rhythmus drängt die Wellen dieser Verse gegen weiche, nachgiebige Steine. Alles bleibt elastisch. Es gibt keine Brüche, keine Konsequenzen zwischen dem lyrischen Ich und den Geliebten. Aus jedem Ende fließt ein Anfang, aus jeder Selbstvergewisserung eine neue Reise, auch auf hoher See.

Man kann die Verse dieses Dichters nicht aufhalten, nicht festhalten. Sie entziehen sich der Fixierung. Somit ist es konsequent, dass es die eine Liebesbeziehung nicht gibt. Es sind mehrere Liebschaften, von denen berichtet wird, etwa zu O. und M.. Manchmal stehen sie in Beziehung untereinander. Es gibt keine Gewichtung, nur ein seichtes Treiben, das den eigenen Horizont sucht und am Ende ratlos bleibt: „dein Zerbrechen werde ich jedoch nie verstehen“. Die gesamte, wache Glut der Texte mündet in diesen letzten Vers, wie ein breiter Fluss in ein offenes Meer, in dem er sich erlöst. Letztlich bleibt eben doch alles schwarzes Loch. Wir wissen nichts.

Raoul Eisele ist einer der Großen unter den Dichtern der Gegenwartslyrik. Das steht ganz außer Frage. Man möge das erkennen.

José F. A. Oliver hat dem Band ein sehr feinsinniges Nachwort gegeben.

Einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt. Raoul Eisele. Schiler & Mücke. Berlin / Tübingen 2021

Kriegsfeder. Vision I

Die Angst aus dem alten Krieg züngelt 
in mein oleandersattes Sommerhaus, 
mit eisernen Seelen, die die Schatten gierig machen.
Die Kinder frieren nun im Garten. 
Raben fliegen an ihre leeren Schalen
und picken die Kerne aus streunenden Nächten, mitten am Tag. 
Die Bomben im müden Gras zerreißen Schmetterlinge 
vor den Mäulern träumender Hunde. 
Der unbekannte Soldat öffnet das Gartentor 
mit bleichen Händen, verkrüppelt vom Tod.
Ich höre die Schreie der vergrabenen Puppen
und breche hartes Brot. 
Die Angst aus dem alten Krieg,
sie überlebt in geteerten Booten auf schwitzendem Meer. 


Kerstin Fischer        

Neue staubige Tage. Nuovi giorni di polvere. Yari Bernasconi

Die Asche, die aus der Philosophie der Zerstörung fällt, hat Yari Bernasconi auf seiner Europareise aufgefangen und in seine Verse getragen. Jenen Versen, die in mehreren Zyklen angeordnet sind, liegt ein grandioser Instinkt zugrunde, mit dem der Dichter Witterung aufgenommen hat, vor allem an verfallenen Stätten oder an verwaisten Plätzen in Estland, den piemontesischen Bergen, an der französischen Küste, in den irischen Mooren und in der Schweiz. Die vorgefundenen Hinterlassenschaften bergen „die verwundeten Reste der Wut“. Den Schimmer Blut, der bleibt, übertragen die Gedichte und öffnen dadurch das Vergessen aus dem kranke Erde fällt, mit gebleichtem Gesicht: „Du sagst dein Land, denn es ist eures, / jetzt, eures. Kaputt zurückgegeben, / wie ein zerschlissener Fetzen, ein Herz, / das siecht und doch schlägt. //“

Die Texte der zweisprachigen Ausgabe reiben den Frost der Normalität zwischen den Fingern, der wir zu arglos begegnen, so etwa in dem „Gedicht für den Gotthardbahntunnel“, das auch als eine Hommage an die bei den Bauarbeiten umgekommenen Arbeiter zu lesen ist: „( Der stürzende Fels hat ihm die Brust zerschmettert. / Keine Worte, keine Regung: nur eine trockene, / schreckliche Wolke. Vergeblich die Mühe der Kameraden, / herbeigeeilt in öligen Schuhen, die Schreie gedämpft / von der Routine. Die Erde und die Steine, im Dunkeln, / kennen keine Regeln. Keinen Vorgesetzten.)“

Das Leid, das in den Steinen gefangen ist, wird sichtbar wie ein gequältes Fossil. Diese lang verschüttete Dimension legt Yari Bernasconi frei mit gnadenlosen Versen. Das macht betroffen an einer Stelle, an der man es nicht erwartet hätte. Er zieht uns über die „Schutthalde“ des krisenreichen 20. Jahrhunderts, ob wir wollen oder nicht. Und elegisch wird die Ignoranz beschlagnahmt. Darin liegt eine wesentliche Essenz dieser großartigen Texte, die das Inferno sehen, wo man nur Idylle wahrzunehmen glaubt.

Bernasconi erschafft mit seinen Gedichten eine Skulptur aus den vergangenen Leiderfahrungen. Sie ist Mahnerin und Manifest und hat ungeheure Präsenz. Sie verfolgt unsere Schatten, die wir gerne verleugnen. Welche Konsistenz hat die geerbte Schuld? Ist sie dickflüssig wie Teer oder beiläufig wie ein schmales Erinnern? Wenn es so etwas gibt wie ein Ahnengedächtnis, so legt es hier Zeugnis ab, in diesem poetischen Echo der Verwüstung. Das sensibilisiert, keine Frage, für die Larven des Überwucherns, sensibilisiert für das Künftige, das schwer an den Altlasten zu tragen haben wird. Deshalb vielleicht sind auch die Szenen in den Bars und Pubs der Reisebeobachtungen gegen das Licht gezeichnet und stranguliert in ihrer Gemütlichkeit: „Als wir aufstehen, ist die Luft jäh und schwer. / Ein Betrunkener sitzt, eingraviert in den Tisch / aus ungehobeltem Holz. Wartet auf etwas, auf jemanden.“

Bernasconis Sprache ist schön wie Granit, absolut, souverän. Sie duldet keinen Widerspruch. Und das macht so sprachlos, wenn man sich die Gedichte zu Gemüte führt: „Das Wasser, das fließt, riss das Morgen schon fort. Ich schreibe dir von da, wo man verschwindet. Vergib, wenn ich nicht wiederkehre an diesen / ewigen Ort.“

Eine wunderbare, schonungslose Dichterstimme meldet sich hier zu Wort, mit melancholischem Esprit, der kraftvoll ist. Eine imponierende Poesie.

Julia Dengg hat in einfühlsamer Weise aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt und Fabio Pusterla ein sehr interessantes und aufschlussreiches Nachwort hinzugefügt.

Neue staubige Tage. Nuovi giorni di polvere. Yari Bernasconi. Limmat Verlag. Zürich 2021

Lehmige Himmel

Gräserstille. Meine Kinderschritte fallen
in das Leuchten des Mohns. Tropfnass, taunah hungert die Angst
in meiner Hand wie ein zahmer Vogel. Ich lehne an bitteren Rinden
und bleibe Frucht des Sommers, trotz der lehmigen Himmel.
Ich bin geerdet durch die Wörter auf federndem Papier. 
Meine Lebensziffer treibt Wurzeln,
bis in den jüngsten Schnee, 
der die Drachen aus dem Garten vertreibt.
Kirschen fallen in die Münder. Sei meine Kirsche. 
Der Weg ist voll müder Steine, bis ich es finde, 
das andere Gewissen. Ich gehe stumm durch die Haut der Nacht.  
Mein Vergessen riecht nach weißen Särgen. 
Eine Schaufel Tod. Eine Schaufel Vergeben. 


Kerstin Fischer       

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