Peripetie

Morgenrot zieht der Südwind das Gift aus der bettlägrigen Irre.     
Es fließt in die Schweine, die von den Klippen stürzen. 
Im humanoiden Schatten des Regenbogens ist das Elend geweiht.
An der Gabelung heißer Rost hinter der Stirn. 
Zu heiß am Hügel des Eros. Gestoßenes Lamm
in bitter keimendem Wasser. Neun Jahre sind gestorben. 
Sie haben heilige Nägel geschluckt. 
Nun morgenrotreine Quellen, die über die Täuflinge fließen. 
Ich gehe über freies Gras. Der Regen ist weich
und duftet nach jungen Rehen. 




Kerstin Fischer   

Werkstattbericht II

Es ist eine gute Zeit für Gedichte hier im Lyrikatelier. Gesundheitlich angeschlagen, kann ich diesen Ort auch in den nächsten Monaten kaum verlassen. Die Gedichte geben mir trotz allem ein wunderbares Lebensgefühl, wenn sie aus meinem Innersten strömen.

In den letzten Tagen habe ich Vorträge von Gottfried Benn auf Youtube Kanälen gehört, Vorträge über Dichtung, Dichter (leider vergaß er die Dichterinnen) und Kunst. Vieles davon konnte ich annehmen. Vieles aber auch gar nicht. Das hat mir einmal mehr gezeigt, dass jeder schöpferische Prozess etwas ganz Individuelles ist und sich von niemandem enttarnen lässt, auch von dem, zwar umstrittenen, aber dennoch zweifellos großen Dichter Benn nicht. Immer hat dieser Prozess ganz eigene Gesetze, wie die in die Hand notierten Lebenslinien. Jeder kann da nur von sich beschreiben, wenn er es denn überhaupt beschreiben kann, was da in seinem Innersten wächst, wie die Verwicklungen, Verzweigungen und die hungrigen Wortströme Richtung und Komposition gewinnen, um das erlösende Meer der Poesie zu erreichen. Ich glaube auch, dass andere diesen Prozess durch subjektive Kommentare sehr behindern können. Deshalb halte ich auch nichts von Lyrikworkshops oder, schlimmer noch, Lyrikkursen, bestenfalls können hier Impulse gegeben werden, aber auch das ist schon gefährlich und kann den eigenen Klang verwässern. Deshalb sind, denke ich, auch Lektorate mit sehr viel Vorsicht zu genießen, in denen lyrische Texte bearbeitet werden. So sehr sich der Lektor oder die Lektorin auch auf den jeweiligen Text einzustimmen vermag, er oder sie werden nie die tiefen Ebenen, Seelenbewegungen und Textundinen erreichen, die den Dichter oder die Dichterin dazu bewegten, die Worte so oder so zu wählen. Wie können sie da angemessen beurteilen?

Dichten ist eine ganz einsame, intime Sache. Und darin gerade liegt eine große Schönheit, die völlig unberührt ist. Das ist für mich das Faszinierende. In diesen Tagen fließt diese Schönheit in den Winter vor meinem Fenster, die Blutsbrüderschaft mit den kahlen Zweigen, aus der Tage und Nächte wachsen, schwer und schillernd verrückt.

Graphit auf Papier. Kerstin Fischer 2020

Blinder Frieden

Ich atme deinen hellen Ton in den Tag,
den Tag, der zur zarten Figur wird. 
Sie läuft durch die Angst, 
die aus den Wänden steigt. 
Die Angst, die Geliebte der Nacht. 
Sie bricht meine Lavendelflügel, 
die mir in stillen Weiden wachsen.
Ich suche nach deinen Lippen im Garten und unter der Haut
und finde einen Tropfen Meer, fern und warm. 
Steine fallen aus meinem Geist, 
mit denen ich neue Städte baue, am Handlauf des Todes,
in blinden Frieden. 




Kerstin Fischer           

	

An der Rinde des Lichts

Mein Traum geteilt aus wilden Himmeln gebrochen.
An der Rinde des Lichts 
sickert schwarzer Trost in den Boden. Liebeskrank. 
Meine Augen sind müde Sperlinge. 
In der Treue des Winters die Rede 
von elegischer Erde. Anschwellend.
Aus weißen Märchen fällt sie in die Melancholie des Ackers. 
Deine Spuren, der Tau in den glänzenden Fellen der Rehe,
weiten meine Schrift, mein Sehnen in eisernen Kissen.
Der Horizont blutjung und unnahbar an diesem Tag im Januar.
Ich ritze den Baum, aus dem mein Leben fließt. 



Kerstin Fischer     

	

Die Wasserlilie

Ich schreibe Gedichte in den Januarschatten. 
Er ist durch die Zimmer gewachsen, in der Nacht, 
als die Rehe mir die Lebenslinie aus der Hand lasen.
Meine Bühne bleibt leer. Ich fülle die Leere 
in die kristallenen Gläser der Wintervitrinen. 
Ich bin der glitzernde Punkt auf dem brachen Feld,
der Tautropfen, der durch Särge fällt, den niemand stört.  
Ich wachse elyptisch. Mein Gewebe spricht Jenseits, 
die stille Sprache an den Gründen des Abgrunds. 
Hinter den sieben Brücken war sie in mein Meer gefallen mit mir,
der Wasserlilie, die nicht sät und nicht erntet. 




Kerstin Fischer               

Schneezone und Erdbeermund

Aus den roten Wellen fließen Jahrtausende 
in die Umkehr der Nacht. 
Die Städte schlafen unter weißen Blättern wie ihre Dichter. 
Auf den Leichentüchern der Sonnenblumen aber
wachsen Kriege immer neu. 
Ich stehe am Begehren der Meere.
Jede Muschel ist eine Sekunde, in der du liebst, 
Schneezone und Erdbeermund!
Deine Küsse sind meine schönsten Narben. 



Kerstin Fischer       
Lyrikatelier Fischerhaus

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