Ein Winterbericht





Meine Schritte gehen dünn in die beleuchtete Straße, 
mit den lichtschwangeren Tannenzweigen.
In den Schaufensterscheiben die weiße Schleife 
meines blassen Gesichtes. 
Im Frühjahr noch habe ich die Steine am Fluss 
mit Hoffnung geweckt. Meine Treue tocknet aus. 
Die Teller sind gefüllt mit Hunger. 
Ich sitze in einer leeren Reise, ganz hinten am Ende des Zuges.
Die Fahrt geht vorbei an Bergen,
auf denen glückliche Menschen wohnen.
Sie schlagen ihre weißen Zähne in krebsrote Äpfel. 
Ich überwintere im Wort. Um mich heißer Schnee.         





Kerstin Fischer         


Die Gewordenen

Der Wintermorgen kriecht in den Asphalt der Straße.
Die Gewordenen sind im weißen Nebel gekreuzigt,
im Oval des Erinnerns. Der weiße Tod über den die Schwalben
zu ihren Nestern ziehen, in neuen Sommern. 
Der klare Sand in meiner Hand hat die Gebeine nie berührt.
Er gehört deiner Haut, die nach Kastanien duftet. 
Ich schließe mein Zimmer hinter deinem Meer 
und werde geworden sein wie die Passion 
des schönen, zerrissenen Schmetterlings. 



Kerstin Fischer   

Körpernah





Der Dunst über der Stadt zerbricht meine Flügel
blutrot in deinem Mund. Die Farben des Bildes
schlagen nackt gegen steile Felsen. 
In meine gebrochene Grotte trägt der Meerschaum
einen toten Vogel, körpernah.
Ich atme den Staub aus dem Licht,
bis zur Ankunft des Schnees,
der auf meine noch warme Weide fallen wird.  

(Auszug aus dem Gedichtzyklus "Chagalls Traum") 



Kerstin Fischer   
 

Ein Stück

Im Sturm weht ein Stück Tod.
Wenn es gegen die Hauswand schlägt, ist es ein junger Vogel,
der stirbt, vor dem Winter in meinem Zimmer,
durch den die Kirschzweige wachsen. 
Sie blühen in die Wärme deiner Haut, 
wenn du blaue Rätsel von meinen Lippen liest, 
mit denen ich meine wilden Pferde über Mondweiden treibe.
Der Sturm ist mein Stück Tod. 
Ich warte hinter schönem Glas.   



Kerstin Fischer        

Matt und feurig





Die Gedanken liegen auf dem Kissen, matt und feurig.
Sie waren durch kalte Wälder gelaufen, 
in lose windgraue Gesichter, 
während die Katze das Blut aus der Maus spielte.
Die Glut in ihren Achsen widersetzt sich dem fremden Schweiß 
des süß gewärmten Jahrhunderts, mit seinen rostigen Treppen.
Ich bleibe am Fluss bei den Taubstummen und webe Netze 
für ihre goldenen Spinnen. 



Kerstin Fischer   

Schwarze Gräser

Auf dem Flur des Hauses schwarze Gräser.
Sie überwuchern den Raum, den Körper, 
die Felsen am Meer der reifenden Sommer.
Der Schmerz ist entzündet 
wie das Kerzenlicht am Fenster und brotlos. 
Er leuchtet in die Abwesenheit des Bahnhofs. 
Meine Stimme geht entlang der Gleise, 
sieht in die Menge und vermisst das Echo der Blicke. 
Auf meinem leeren Platz im Zug vergessene Raben. 
Sie fressen ihr die Wünsche aus der Hand,
in den stummen, langen Tag und seine blasse Bewegung
am Zweig des Winters. 




Kerstin Fischer   

Werkstattbericht

Am gestrigen Adventssonntag habe ich meinen Gedichtzyklus „Chagalls Traum“ beendet. Die flimmernden Bilder zwischen Wahn, Wirklichkeit, Kunst und dem Nichts sind in Worte gebannt. Das Ende eines Gedichts, ich kann es nicht voraussehen. Es findet immer mich. Es ist nicht planbar, ich weiß nur, wann es da ist. So ging es mir auch mit diesem Zyklus. Auf einmal war er da, der letzte Punkt, war alles gesagt zu den Bildern in meinem Innersten, die aufgewirbelt wurden. Der Sturm ist vorüber. Es wird neue Stürme geben. Mein Schaffensdrang ist groß. Ich bin hungrig, jeden Tag, nach lyrischem Ausdruck. Manchmal macht das unruhig. „Ruhe gibt es nicht“, das hat ein Schriftsteller gesagt, an dessen Name ich mich nicht mehr erinnere.

Ich sehe in das Kerzenlicht auf der Fensterbank. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, es immer in den Morgenstunden, während der Adventszeit, zu entzünden. Auch seine Wasserzeichen, in denen ich meine Schrift finde, sind fordernd. Schreiben ist Leiden, so sehen es einige meiner Kollegen und Kolleginnen. Ich leide unter der Abwesenheit des Wortes. Sie ist wie ein kalter Entzug. Ich muss sie vermeiden, alles daran setzen.

Meine Beziehung zur Poesie ist obendrein eine besondere. In jungen Jahren, in denen ich in tiefster Verzweiflung zubrachte, hatte sie mir einmal das Leben gerettet, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Verse von Charles Baudelaire haben mich wieder am Leben andocken lassen.

„J’aime de vos longs yeux la lumière verdâtre,
Douce beauté, mais tout aujourd’hui m’est amer,
Et rien, ni votre amour, ni le boudoir, ni l’âtre,
Ne me vaut le soleil rayonnant sur la mer.“

Dies ist eine Strophe aus dem Gedicht „Chant d´automne“ aus den Fleurs du Mal. Im Französischunterricht war sie mir damals begegnet. Alle Schönheit der Poesie fand sich darin und ein gangbarer Weg, der in kostbare Zwischenräume führte, die das Leben trotz allem lebenswert machten. Die wichtigste Übersetzung dieser Verse lag für mich in dem Satz: „Ich will leben.“ Vielleicht geht es mir damit so bis heute, wo Tod und Krankheit naturgemäß näher rücken, wenn sie mich nicht schon erreicht haben. Der Verfall, die größte Dynamik des Stirb und Werdens, er wird auch breiten Raum einnehmen in meinen Texten. Und er ist gut, wenn er Poesie wird.

Kerstin Fischer

Aberglaube des Nichts

Das kalte Licht unter der Decke wird bissig, 
als ich in die Zimmerhöhle rufe, die ihre Leere erbricht.
Meine Stimme ist ein armes Kind.
Seine Puppen verquellen mit dem Dunkel. 
Die Augen tasten über den Sog des harten Bodens. 
Sie haben ihren Bernstein verloren im Aberglauben des Nichts.
Die Farben der Bilder fliehen 
vor dem Skelett des schwachen Morgens.
Ich presse meine Lippen auf die Lithurgie metallischen Erinnerns.
Der schwarze Salzwind über den nun verschlossenen Meeren 
brennt in meinem Gesicht.
Zahme, lange Zeit. 


(Auszug aus dem Gedichtzyklus "Chagalls Traum") 



Kerstin Fischer   
     
Lyrikatelier Fischerhaus

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