Februar Notate

Über dem Fluss Februarlicht, sonnengefärbt.

Ich treibe in dunklen Blüten am Sand der Gründe.

An den Randzonen der Stille fällt Bitterkeit aus dem rostroten Regen.

Mein sicherer Tag faltet sich zur zögernden Nacht.

Ich glaube an die Gewittergesänge in den Ambitionen des Mondes.

Nebelchöre sehen in mein Haus daraufhin.

Von den Wänden fließen darin Tränen in nasse Gedanken.

Ich trockne ihren Keim und säe weiße Güte.

Zur Ernte fallen in meine Hände Glanz und Schwere.

Ich bin am Beginn, immer am Beginn des wachsenden Endes.

Ein morsches Licht. Anke Glasmacher

Die Gedichte von Anke Glasmacher sind wie heißer Nachtregen, der über das Land zieht. Sie schleudern die Sinne, indem sie die Kälte herausfordern, mit ihrer klaren, gläsernen Sicht auf die Welt und den Moment: „nichts bezaubert so / wie das leiden des dichters / der mit seinem stift versucht / der kalten tinte zu entfliehen //“. Immer wieder wird die Morbidität gefeiert: „aus meinem stumpf / quillt eitrig / die neue brut“ oder „der wechselhafte tod / am ufer / wandert er entlang / und schüttet morsches licht / über das kind / auf der sandbank“. Der Tod als stiller Begleiter ist in magischer Weise essenziell. Keine Frage, man hat es mit Lyrik noire zu tun.

Die Texte hinterlassen tiefe, imposante Spuren an breiten, schwarzen Stränden, so minimalistisch sie auch oftmals angelegt sind. Nicht zuletzt ist das der enormen Dichte geschuldet, die sie ausmacht und für ein phantastisches Leseerlebnis sorgt. So wird in interessanter Weise das Nachteis geformt, still und absolut, so als sei nichts vergänglich. Immer wieder werden dabei aber auch die Schatten zu Sternen gebrochen: „um den horizont / rankt der gesang / der nachtigall // am mondrand / verglüht / der gott der nacht“.

Das lyrische Ich hält einen dunklen, scharfkantigen Kristall in Händen, mit dem es in das Fleisch des Lesers und der Leserin schneidet. Der Schmerz ist süß. Die Verästelungen des Dunklen werfen eindrückliche Muster. „wie schlecht verheilter / teer liegt ihre gehäutete / seele nun auf mir // wundsam verfriere ich / und schlucke aus versehen / ihr tränensäckchen“. Die Lebenszusammenhänge geraten zu einem dunklen Rinnsal, das in bunten schillernden Schalen aufgefangen wird. Meisterhaft gelingt dieser Spagat: „ einen hexentanz / veranstaltet die skatgemeinde / um den brennenden altbau //“.

Zumeist haften die Gedichte an den schwarz geschminkten Wimpern des urbanen Lebens. Ihr Rhythmus aber ist ländlich ruhig, ein wohltemperiertes Steigeisen für die bizarren Visionen: „ auf dem vergnügungsrad / sitzt noch einer / dem sie steine in die blutbahn / pflanzten“.

Die finsteren Szenarien in vielen der Texte sind verstörend im besten Sinne. Ein Echo bleibt, das einem Schauer über den Rücken jagt und gleichzeitig in raffinierter Weise berückt. Zweifellos hat man es hier mit Dichtkunst vom Feinsten zu tun. Anke Glasmacher hat das Potential, das ich mir von Lyrikern und Lyrikerinnen wünsche.

Ein morsches Licht. Anke Glasmacher. Elif Verlag 2020.

Somnia

Durch gläsernes Blau fällt ein Lichtstrahl
aus zitternden Gebirgen in meine bittenden Gärten,
da wo die Zangen der Nacht begraben liegen. 
Tau über den Gebrechen meiner Winterhalme. 
Ich weide ihr Sehnen bis in die Adern des Sommers. 
Zögernde Rinden. Noch sind die Zweige der Kirschbäume kahl.
Der Tod steckt im Winter und schläft mit offenen Augen 
am Horizont. Ich rede mit seinen Blicken
und bitte um Gesang. Graue Katzen laufen über die Straße.
Sie fliehen die eisigen Häute des Windes. 
Meine Zeit an glühenden Ketten fällt von der Erde,
ganz sanft in deine Hand.       

Suche. Indigo

Meine Liebe an goldenen Klippen
küsst die blassen Lippen des Meeres. 
Ich bin dein Seevogel in den Nächten des Windes 
und gehe am Tag mit gebrochenen Füßen über das Land.
Ich trinke deine Treue unter dem Gewicht des Mondes.
Deine Hände, weicher, sonnenwarmer Sand.
Ich verliere mich in den wasserblauen Augen deines Lichts 
und warte still.     

die krankheit wunder. le beatitudini della malattia. Roberta Dapunt

In stillen, schattigen Bächen fließen die Gedichte dieses Lyrikbandes, die die Demenz zum Thema haben, zum Leser und zur Leserin. Das ansehnliche Pas de deux zwischen Kunst und Psychopathologie, das die Intimität zwischen Uma, was im ladinischen Mutter heißt, und dem sie pflegenden lyrischen Ich eröffnet, ist eindrucksvoll und in hohem Maß authentisch: „Und derweil ich dich wasche verschwistern die wimpern sich / und die blätter der vogelbeere im september.“

Die schöne Tragik, die in den scheuen Versen liegt, lässt demütig werden, demütig vor dem Leben und seinem systemimmanenten Leiden: „Und ist die einzige die dich stützt, die stimme, / instrument des einklangs zwischen dir und dem göttlichen.“ Ein zarter Schrei an den Übergängen liegt über dem Band, von dem wir nicht wissen, von wem er ausgeht. Schreit Uma aus den Tiefen ihrer geistigen Gebrechen oder ist es das lyrische Ich, das immer wieder an seine Grenzen kommt, die stets neu definiert werden müssen?

Alles in allem wird ein gleichsam geheimnisvolles als auch staunend machendes Zwischenreich inszeniert. Das Rad der Krankheit dirigiert darin die täglich sich lösenden Blätter. Hingebungsvoll wird dabei die Würde der Erkrankten gewahrt: „wie deine stirne ein fallendes feld ist / über das du stapfst in langsamen steigen bis zum haus am abend. / und da, unter dem feld zwei stechende disteln, / sind die augen eines gesammelten lebens. / Einsamkeit in blüte gelassen da um den september zu beenden. // “

Immer wieder wird die Nähe zum Prüfstein. Die feinen Äste eines stillen Dialoges und seiner Gezeiten sind auf wundes Papier gezeichnet: „So gehst du an mir vorbei, / die du in jeder Bewegung frei bist von ursachen. / mich lässt du allein, zu beurteilen deine schritte / und meine angst vor dem tod.“ Der reflektierte Umgang mit Uma führt oftmals auch zur Selbstspiegelung. Eine schöne Innenschau entfaltet sich auf diesem Wege am Saum der Krankeit, dem „drüben“. Aber auch hier geht Roberta Dapunt vorsichtig durch ein Feld, wobei sie drauf achtet mit ihren Füßen nichts zu erdrücken. Nie aber sind die Verse ängstlich, beherzt wird sich dem Verfall gestellt. Und manchmal schimmert auch eine gewisse Chance hindurch, die etwas Tröstliches hat: „Dass mir erlaubt sei zu sagen: die krankheit wunder, / denn im geist hast du erreicht den vollkommenen zustand / der erinnerungen die keine augen mehr haben und nicht zurückschauen.“ Das graue Gesicht der Demenz erhält auf diese Weise eine leichte Röte über den hohen, harten Wangenknochen, die zutiefst berührt und die Sicht auf die Dinge verändert.

Dieser Lyrikband ist auch Ärzten und pflegendem Personal zu empfehlen, denn der tiefe Blick der Dichterin kann helfen zu verstehen. Der Schrecken der Krankheit wird, wenn auch nicht überwunden, so doch in frage gestellt. Das ist eine große Leistung dieses Lyrikbandes. Er liegt in zweisprachiger Ausgabe vor und wurde von Versatorium, dem Verein für Gedichte und Übersetzen, einfühlsam aus dem Italienischen übertragen. Zu erwähnen wäre noch, dass die Dichterin selber die Pflege der dementen Mutter übernommen hatte. Ihre Lyrik hatte diesen Weg begleitet, vielleicht als ein entscheidendes und Kraft spendendes Lebenselixier.

die krankheit wunder. le beatitudini della malattia. Roberta Dapunt. Folio Verlag Wien / Bozen 2020

Rosengewitter

Zerrissene Milch fließt durch die Straßen meiner inneren Städte.

Über den zerträumten Nächten weiße Glut.

In den Zügen reisen Wörter mit gebrochenen Flügeln.

Ihr Blut rinnt über meine Hände in weiche Schrift.

Meine Minuten laufen durch Kathedralen, taubensanft.

Blasser Tropfen Licht fällt auf schwangere Herzen.

Rosengewitter im März.

Du bist mein Psalm, der rote Punkt der Ruhe.

Ich bin gebettet in deiner Mitte,

wenn ich die Lieder höre, die aus den Steinen kommen.

Ich baue mein Haus in deinen zahmen Weg

und wachse mit den Goldfischen in den Teichen meiner Phantasie.

Dann schwimme ich an den Händen des Mondes zu den Engeln,

schwimme durch dunkle Tunnel mit Mauern aus fremden Sprachen.

Kyrie eleison. Nacht. Tag. Gebleichte Küsse über dem Feld.

in adern dünn brach licht. Axel Karner

Die markanten Gedichte von Axel Karner fliehen die Schatten, ohne sie zu leugnen. Das macht den Grundton ernsthaft zauberhaft. Die Bilder sind eindrücklich, mal schön, mal schaurig. Es gibt mehrere schillernde Ebenen der Betrachtung, um zur Wahrheit zu kommen, dem vermeintlichen Idyll: „Die Eingänge der Dörfer säumen Kletznbirn, / den Pfad gen Paradies ziert ein Gravensteiner. / Oder „Kruzitürkn, / am Galgenbaum in der Mitte / – der Hund (hört, so er will, auf Amor) / markiert sein Revier – / hängen die Narren und Kinder. / “„ Schreibt hier ein unruhiger Geist? Ist es das, was die große Dynamik in den Texten verantwortet? Sie sind jedenfalls mitreißend. Dabei führen nur schmale Stege zur Erkenntnis: „Ein Labyrinth ist ein Labyrinth. / Fände niemand heraus, / wer erführe davon? // Vom Ort der Wahrheit – ein Idyll.“ Kunstvoll ist das gemacht, denn vieles bleibt offen im Kopfkino.

In ihrem Minimalismus betören die Gedichte im Mittelteil des Bandes, betören in stillen Vibrationen, die unter die Haut gehen: „im totenkleid / liegt das land / und dachte / der himmel sei taub // meine wünsche / sind asche / die zunge / brennt ihr nicht ein“ .

Edles Treibholz wird hier bewegt auf den Wellen eines fordernden Meeres. Domestizierte Momente, die an dem Saum der Existenz laufen, die etwa Gott, die Liebe und den Tod in Abwägung bringen, verspielt und burschikos zugleich, stehen sich Rede und Antwort. Infiziert ist diese Zwiesprache von den Geheimnissen des Daseins, souverän in einem Anflug von Weisheit, dann wieder schalkhaft.

Die Texte, die wie seidene Winter daherkommen, überraschen in ihrer Virtuosität, aber sie sind auch voller Rätsel, die den Leser oft genug ratlos zurücklassen.

Das Kryptische in den Relationen ist allerdings immer in einer magischen Art verbindlich. „ich kenne sie // ein kelch zum mahl / fleischt süßer spieß // hopp hopp und glotzt / am sitz der brüst / der frauen wegen / lässt // rosenblatt / kreisch frei / reib scham“. Dadurch bleibt man den Gedichten zugewandt und wärmt sich an den großen Feuern ihrer Abenteuer.

In adern dünn brach licht. Axel Karner. Wieser Verlag, 2020

Wachtraum später

Unter der Schneelast die Anklage der jungen Zweige.

Sie fallen nach Süden, in die Sentimentalität der Eichhörnchen.

In den Herbstverstecken goldene Nüsse deshalb.

Ich halte Ausschau nach dem Honigmund.

Aus ihm tropft weise Süße in die leeren, kalten Schalen.

Aber an den Klippen immer noch Eis und

Nachtflügel, die die Zukunft vertreiben. Der Boden ist taub.

Das Warten gläsern geädert. Die Engel machen nur vorsichtige Bewegungen.

Ich schlucke Wüste und baue Fragen aus Ton an der Kreuzung.

Die Wege sind nass von der Passion. Ich gehe auf Scherben in trübem Licht,

im Wachtraum später, mit züngelnder Phantasie. Geschächteter Morgen.

Oder die blühenden Hände der Söhne in hellem Licht.

Der Zigeunerchristus. Sophia de Mello Breyner Andresen

Für ihren Gedichtzyklus „Zigeunerchristus“ hat sich Sophia de Mello Breyner Andresen von einer Legende inspirieren lassen: Im Sevilla des 17. Jahrhunderts lebt ein Gitano, genannt „El Cachorro“. Er ist ein Meister an der Gitarre und im Flamenco-Gesang. Währenddessen erhält ein angesehener Holzschnitzer den Auftrag, ein Werk zu schaffen, das das Sterben Christi verarbeitet. Auf der verzweifelten Suche nach einer Vorlage findet er den von Messerstichen verletzten „El Cachorro“ im Todeskampf. Wer ihn getötet hat, das bleibt im Dunkeln. In einer anderen Variante der Legende ist der Künstler selber der Mörder. Dies Schuldigwerden um der Kunst Willen trägt den Gedichtzyklus von Sophia, wie man die bedeutendste portugiesische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts in ihrer Heimat nennt. An die Stelle des Holzschnitzers ist ein lyrisches Ich gerückt, das getrieben wird: „Wo finde ich dein Bild / oder gar dein Porträt / Im Lichte des Morgens //“ Der Tod ist gemeint. Wo findet sich das Sterben inmitten des Lebens? „Wo finde ich dein Bild / Oder gar dein Porträt / An den milden Abenden / In den prallen Früchten“.

Die Obsession, die eigentliche Passion ist untergebracht in höchst emphatischen Versen der zweisprachigen Ausgabe, die Sarita Brandt übersetzt hat. Das lyrische Ich, es handelt scheinbar unter Zwang. Geradezu anmutig wird dieser Zwang beschrieben, die Ambivalenz zwischen töten müssen „Und dann eintauchen in eine nie endende Nacht.“. Grandios komponiert ist sie. Es gibt auch keinerlei Bedenken, der Mord geschieht aus einer Selbstverständlichkeit heraus. Die Tat, sie kommt ohne Ringen aus, in dieser poetischen Fallstudie: „Weiß wie Kalk sahen die Wände zu wie man tötet / Sie sahen den unheimlichen Glanz des Messers / Seinen leuchtenden Blitz und seine flinke Geste.“ Dann wird die Befreiung, die das lyrische Ich nur durch das Töten erreichen kann, gefeiert mit den Versen : „Langsam sehr langsam stirbt ein Mann / Dunkel öffnet sich im Garten die Nacht / Eine Nacht mit abertausenden Sternen / Funkelnden hellen makellosen Sternen //“.

Das Ziel ist erreicht, der Tod wird sichtbar und damit abbildbar. Der Bildhauer findet seinen Frieden.

Einem großen originellen Thema hat sich Sophia da angenommen, in einer fantastischen lyrischen Inszenierung, denn über den groben Schatten menschlicher Abgründe liegt ein goldenes Licht, das durch die stillen, leise Pforten einer großen, hochempfindsamen Dichterin fällt.

Der „Cristo Cigano“ ist vor fast 60 Jahren erschienen und wurde nun erstmals ins Deutsche übertragen. Ein besonders hochwertiger Stein im Mosaik portugiesischer Lyrik.

Der Zigeunerchristus. Sophia de Mello Breyner Andresen. Elfenbein Verlag 2020

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