Nach dem Skorpion

Ich schließe die Fenster des dunklen Weges
und lass meine Schritte in Meere fließen,
an der Südseite der fremden, wachsenden Frucht.
Ein Buch mit leeren Seiten, die der Wind bewegt. 
Die Träume ausradiert, bis auf einen Skorpion. 
Er läuft über dein Herz entlang deiner Gezeiten
am Rand der Wüste.
Deine Hände graben im Sand nach Licht.
Ein Tautropfen Tag fällt auf dein Gesicht
und wärmt den Schatten der fliehenden Katze.
Jetzt sind deine Gedanken aus zartem Papier. 
Bau neue Städte in den frischen Schnee. 


Kerstin Fischer    
    

	

Postoperativ

Die trockenen Flure bleichen die Gesichter. 
Ich pflücke die Stimmen von a nach b. 
Meine Schritte tropfen leise über den Weg in die blaue Lagune.
Um den Hals des Arztes baumelt ein Kreuz,
als seine Finger in meine Zukunft tauchen. 
Schmerzstillstand in narbigem Land. 
Die Zweifel am Stigma ziehen mit den Wolken. 
Ich betäube den Funken Tod auf dem Cover der Liaison
und steige wieder in mein Boot auf dem reißenden Fluss, 
den Winter noch in der Hand.



Kerstin Fischer  
 

Vom Süden

In der engen Gasse fallen meine Stunden in rote Schalen.
Der Oleander hat Hitze gesogen.
Ich lege einen heißen Zweig zwischen die Seiten
deines ungeschriebenen Buches. 
Über den weißen Mamor fließt eine dunkle Elegie, 
aber deine Hände sind Schmetterlinge. 
Du nährst dich von gekreuzigter Milch und entstehst neu. 


Kerstin Fischer    

Ein Stück aus Wind

Der Boden im Garten ist warm und ohne Nacht. 
Mein Dunkel haben die Bäume vergessen. 
Und sie sind nicht nachtragend. 
Die Farben meiner Bilder blättern von ihren Rinden
in den einsamen Apfel auf der Bank, an der Weide des Geschlechts.
Ich verlasse mein wolkentrockenes Haus 
und lege mit weißen Nüssen meine Patience
in die Abrissbauten der Heimathäfen. 
Immer geht ein Stück aus Wind von mir. 
Das Schmerzlose aber ist trügerisch. 
Ich halte still, bis zur Grenze, in der Illusion aus Jahren, 
denn ich bin gefesselt für die Freiheit meiner Wörter. 


Kerstin Fischer    

Poetische Aussichten

Bis November werde ich auf meinem Blog ausschließlich eigene Lyrik veröffentlichen. Danach bespreche ich dann auch wieder aktuelle Lyrikbände, deren Poesie mich besonders anspricht. Darunter wird jene sein von Philippe Jaccottet, des großen Dichters, aber auch die der jungen isländischen Poetin Frída Ísberg, deren Gedichte Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason übersetzt haben. Und auch noch einiges andere hat mich beeindruckt, dass dieser poetische Herbst zu bieten hat. Ich freue mich darauf, in die lyrischen Welten einzutauchen und meine Impressionen zu beschreiben.

Héloise





Die totgeglaubte Nacht fällt aus den rosa Muscheln
in schwarzen Wind.
Der nackte, regungslose Körper der Straße 
hat junges Licht verschluckt. 
Tränen fallen als reife Beeren auf pfirsichweiche Haut. 
Die erwachenden Knospen wie gesprungenes Porzellan,
mit Rissen aus dunklem Fluss. 
Zwischen dem Schilf wächst das zarte Haus
und verliert seine geschnitzten Türen 
an den grauen Hunger im Sand. 
Die junge Frau am Hang, mit ihrem Herz aus Schnee

geht heute durch die Gärten von Versailles.



Kerstin Fischer       

Vor dem Ende des Gedichts

Das Morgengrauen vor meinem Punkt, dem leichten Stein 
in der noch blassen See. Algenwachen. 
Die Rauchzeichen kommen vom Ufer her. 
Dort ist die Schminke unruhig. 
Über die dicken Lippen quellen Berichte sagenschwer
auf der gepflügten Fifth Avenue. Mikrophone aus Zucker,
zuckersüß. Schnalzende Gier. 
Die Stimmen wie Schlangen über dem Boden zwischen
weißen Pferden. Stutenmilch im Blitzgewitter. 
Durch den Spalt in meinem Baumhaus fällt grelle Wüste
aus den Synapsen des Radios, die die Segel meiner Ankunft ritzen.
Mein Schatten wächst auf dem Gebirgszug. 
Ich habe die Schuhe verloren, 
in der Nacht von morgen auf gestern.
Mit bloßen Füßen gehe ich durch die Zutraulichkeit des Gartens.
Mein Traum liebt in den Gewächshäusern, 
unter den Augen der Salamander.
Ich wachse in das Beben ihrer Haut und melke meinen Stern -
das Morgengrauen vor meinem Punkt, dem leichten Stein. 
Fernab der Stadt. 
Wörter mit aufgerissenem Maul. Jungvögel in blauen Nestern. 


Kerstin Fischer 
          

Zeit der Winterfische

Im Spiegel des Glastisches im Garten 
Seevögel in neugeborenen Stunden
für die Herbstblätter auf meinen Schultern. 
Der Eros des Sommers sinkt in den Fluss, 
zu den Winterfischen. 
Aus meinem Ende regnet rotwangige Frucht. 
Ich fange die Wörter aus den Städten 
und trockne sie in Wäldern. 
Zwischen blinzelndem Moos ist der Weg schmal
am Traum mit den längst Verstorbenen. 
Nur die Liebe hat die Knochen überlebt
im blühenden Zweig des anbrechenden Tages. 
Mein inneres Kind, das in die Sonne geht. 
Dahinter schleicht schiffbrüchig der Körper 
einem hellen Klang entgegen. 
Der Tod ist noch mager. 


Kerstin Fischer   

Lyrikatelier Fischerhaus

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