Lieder Von Derselben Erde

Preise, Ehrungen, Renommee, ich verzichte auf meinem Blog, davon etwas ins Spiel zu bringen, wenn ich Lyrikbände bespreche, die mir besonders gefallen. Einzig der unmittelbare Text ist mir wichtig. Nichts anderes soll diesen Eindruck vernebeln. Deshalb werde ich auch zu David Harsents diesbezüglich nichts weiter schreiben, nur zu dem Mann der „Songs from the Same Earth“, jenen Zyklus über eine Frau am Rande des Zusammenbruchs, gedichtet hat.

Dieses einzigartige Werk kommt einem Gebilde aus kostbarem, höchst zerbrechlichen Porzellan gleich, um das der Dichter stets bemüht scheint, es nicht ganz zu zerstören – wenn es dazu auch nur eines winzigen Hauchs bedürfte. Vielmehr stellt er es in einem kalten, dunklen Keller ab. Diesen alles zerstörenden Hauch in der Schwebe zu halten, ist eine lyrische Meisterleistung, die Hochachtung verdient. Sind wir es doch gewohnt, die Dinge zu Ende zu denken: „Wird sich dein Leben niemals um dich niederlassen – wirst du gefunden / beim Abendrot im Dunkeln, ein Platz gedeckt für den ungeladenen Gast – // sein Appetit bestimmt, deine Seide mit Blut zu beflecken / und das Salz zu verstreuen? / Später wird Wind aufkommen, //“

Harsent schöpft aus diesem Dunkel, aber nicht ohne seine Schönheit zu vernachlässigen, die ins Morbide abgleitet, dem er sie aber nie ganz überlässt: „Du tratst die Reise an, als Dämmerung nahte: / ein langsames, tiefes Leuchten, blutsverwandt dem Tod. //“ Zwischen Beklemmung und Befreiung gleitet der Lesegenuss. Alles scheint ohne das Transzendente auszukommen und vermisst es doch unendlich. Als flutet eine unsichtbare Sehnsucht danach: „bis die frühe Dunkelheit dich weckte? / „

Das Phänomen der Verzweiflung bedeutet auch das totale Zurückgeworfensein auf sich selbst. Die Leidende überantwortet sich ganz sich selbst. Die Verse sind wie Sargträger dessen: „Ein Raum von Mündern, die deinen Namen formten, sagtest du; / dann ein Käfig aus Glas, wo dein Bild zu dir selbst gerann.“

In dem feinsinnigen Lyriker Ludwig Steinherr hat Harsent einen passenden Übersetzer gefunden. Wer seine Gedichte kennt, weiß wie sehr er feinste Vibrationen in Sprachbildern unterzubringen versteht. Die zweisprachige Ausgabe, die uns der Allitera Verlag im Rahmen seiner Reihe Lyrik Edition 2000 angedeihen lässt, ist somit die Frucht einer sehr glücklichen Verbindung. Nicht von jeder Lyrikübersetzung kann man das behaupten.

Lieder Von Derselben Erde. Aus dem Englischen von Ludwig Steinherr. Lyrik Edition 2000, Allitera Verlag, München 2019

undefined

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

quarantänelyrik

»ihr lest keine lyrik, seid ihr wahnsinnig?«

Das poetische Zimmer

ein Raum voller Lyrik, Gedichte, Poesie

ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

Lyrikatelier Fischerhaus

Poesie, Malerei und Zeichnung. Eigene Gedichte, Bilder, Rezensionen - Lyrik only

Art blog - Nadia Baumgart

Fotos- Watercolour- Aquarelle - Nature - Rottal

Jacques Williet - Aquarelliste

Plongez au coeur des paysages de Provence...

Lyrikzeitung & Poetry News

Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 im Netz | News that stays news

sternenseele

Arianas virtuelle Lebensreise durch die Facetten von Sehnsucht, Liebe und Fantasie.

Dichtungsring

Zeitschrift für Literatur

Literatur & so

WörtersindIdeen (eine Seite von Timo Brandt)

komplex

Kulturmagazin Innsbruck

reclamatio et litteratus

Anregungen zum Thema Identität

%d Bloggern gefällt das: