Zwischen Hitze und Frost

Die Gedichte von Sünje Lewejohann sind Liebesgedichte vom Feinsten, angesiedelt zwischen Hitze und Frost, die in einer Leidenschaft selten getrennt von einander zu sehen sind, wenn sie ernstgemeint ist. Auch diese Gedichte sind ernstgemeint, von einer verblüffenden Authentizität geradezu, dabei kristallklar und pfeilschnell: „eine spur aus lehm hast du gelegt. / einen rippenbogen in die hände der fischer. /“ oder „aber mir tropft honig von den lippen / und meine Zunge, du weißt, erzählt / vom dünnen knistern der nacht.“

Man kann sich dem lyrischen Ich nicht entziehen, nicht für eine Sekunde, folgt ihm bis in die Augen des Geliebten. Die Verse schnellen durch diese Liebesgeschichte. Lebens- und Liebessaft in Paarung mit Alltagsereignissen, die brennt, trinkt, wacht und nie müde zu werden scheint. Dabei gewinnen die Liebenden und ihre Beziehung immer mehr Form und Farbe, ihre Charaktere werden intensiver in der Anschauung. Die poetischen Psychogramme im Kapitel „wütender affe“ unterstützen dies: „ich bin ein ängstlicher und sehr wütender mensch. / diese kombination ist von allen möglichen wohl die schlimmste.“ Die, die wir stille Zeugen dessen sind, die beobachten, beginnen unweigerlich die Beziehung zu analysieren. Das macht diese Lyrik obendrein überaus spannend neben all den oft hochpoetischen Bildern, die vor uns ablaufen, wie ein schöner Oscar gekürter Kinofilm im besten Sinne: „WIE DU RIECHST (…) wie frischgebackenes brot und wie das goldene licht / am abend, das auf den boden fällt.“

Immer wieder aber wird diese Liebe in dunkle Ecken getrieben, aus denen sie am Ende nicht mehr herausgeholt wird. Das verstörende Kapitel königin der schnecken tut dazu ein Übriges. Von männlichen Übergriffen ist die Rede, die das lyrische Ich in seiner Kindheit und Jugend bedrängten. Gibt es hier einen geheimen Bezug zu einer verletzten Seele, die die Verbindung zum Geliebten am Ende reißen lässt? Die Frage drängt sich auf, aber gleich ist man auch wieder geneigt, sie zu verwerfen. Anziehen und Abstoßen. Ekel, Gier, Gewalt, Erotik alles soll scheinbar abgedeckt sein in diesem Band, der es in sich hat. Fest steht am Ende: „es bleibt mein name auf deiner zunge, wenn du schläfst. / es bleibt der whatsappverlauf, / bis ich ihn irgendwann lösche mein gesicht / flackernd im licht des displays.“

Und es bleibt ein ausgezeichneter Lyrikband, jung, frisch und ungeheuer tief.

die idiotische wucht deiner wimpern. Gedichte. Sünje Lewejohann. parasitenpresse. Köln. 2020

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Ein Kommentar zu “Zwischen Hitze und Frost

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