Ein Schauender

Die Gedichte von Vít Slíva in dieser zweisprachigen Ausgabe von Trommeln auf Fässer sind wie Feuer über klarem Schnee, vereinen in ihrer Lebensunterwerfung scheinbar Unvereinbares. Darin liegt ihre hohe Kunst. Es gibt nichts zu beklagen, alles hat seine Berechtigung im Kleinen wie im Großen: „Runkelrübe,- Man wird dich hacken, schneiden, essen. / Die Erde, deine Stiefmutter, sie lacht mit leerem Maul. / Du süßes Kind! / Der Bauch ist eine tiefe Wiege. / “ Die Sprachbilder sind unvergleichlich schön, schillernd und berückend. Sie lassen einen kaum los, nach dem man den Lyrikband, den Kathrin Janka aus dem Tschechischen übersetzt hat, aus der Hand legt: „Bald schon verdünnt September, der klarere, / den Branntwein dieses Sommers! / „

Eine tiefe Liebe zum Leben spricht aus den Versen, ohne zu verhehlen, dass seine Vergänglichkeit systemimmanent ist. Der Herbst taucht in diesem Zusammenhang auf an vorderster Front, etwa in dem Gedicht Herbstliche Dioptrie: „ Borke und Blätter entfernen sich (wie alles) voneinander. / Der Herbst putzt sich die Gläser. / “

Slíva ist ein Schauender. Er schaut tief in die menschliche Existenz, in ihre Abgründe, das Dionysische, das sich an kleinen Alltagserlebnissen reibt. Und er fährt auf weite Felder, um seine bunten, poetischen Glaskugeln darin zu spiegeln: „und in der nacht / wenn sie schlafen mit den Heiden / werde ich unter deinen lichtern für sie / wiedergeboren“. Dabei wird die Fusion mit der Natur als eine Art ethisches Prinzip gefeiert: „Diese kleine, runzlige, bräunlich gewordene Hagebutte – / So, als ob sie mir etwas – / So als ob sie von mir – // Alles verwischt der Schnee.“

Auf die Einteilung in Gut und Böse wird indes verzichtet, so dass gleichsam faszinierende als auch bizarre Bezüge möglich werden: „Diebesnacht. – Heimlich beschneidet der Mond / die Apfelbäume. / Der Frost sticht, wie wenn man einen Stutenkopf / einem Pferd annäht. // “ oder „Dunkelheit wildert, ihr Magen knurrt, / sie frisst dem Ofen den Ruß aus dem Knie. // “

Auffällig ist die Musikalität der Texte. Deshalb werden wohl nicht von ungefähr einzelne Gedichte mit Fachbegriffen aus dem Formenkreis der Musik überschrieben, wie etwa „Sankt-Wenzels-Choral I“ und „Fulneker Antifon, geknüpft“. Und Kathrin Janka weist in ihrem Nachwort daraufhin, dass Wortklang und Rhythmus die Gedichte in ein Gewebe einhüllten, das eine Tiefe und gewachsene Bindung an die poetische Tradition der europäischen Antike verrate. Freilich müsste man, um hier in den vollen Genuss zu kommen, des Tschechischen mächtig sein und die Gedichte im Original verstehen.

Das Schauen des Lebens und seiner Prozesse kommt kaum ohne philosophisches Unterfutter aus. Davon findet man reichlich in den Gedichten dieses Lyrikers. Wenn auch zuweilen erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist, wie tief er damit gräbt, denn die Gedichte kommen großenteils leichtfüßig daher. Das macht die darin verborgene Philosophie unaufdringlich wie Diamantstaub im Auffangleder eines Goldschmieds.

Und „wenn die Flamme erlischt und das Kratzen / der Buchstaben auf dem Papier im Dunkeln verklingt?“?

Dann wird man sie immer noch lesen die Gedichte dieses großen Poeten.

Trommeln auf Fässer. Gedichte. Vít Slíva. Elfenbein Verlag, Berlin 2020

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