„Sprache ist Haut“

„Sternenlichtregen“ ist der Band mit zeitgenössischer Lyrik aus Norwegen überschrieben, der beim Wunderhorn Verlag erschienen ist. Wie passend, denn die Gedichte, der hier versammelten 18 Lyriker und Lyrikerinnen kommen wie ein Sternenlichtregen daher. Gleichwohl ist der Titel einem Gedicht von He Dong entliehen: „die wolken tosten um mitternacht / lauschten der klang von tropfen auf blättern / sternenlichtregen / durch das fenster auf dem boden eingeschlafen // “ Sarah Fengler hat die perlige Poesie dieser in Peking geborenen Lyrikerin aus dem Norwegischen übersetzt. Nicht minder beeindruckend ist auch die Poetin Kristin Auestad Danielsen mit ihrer Draufschau auf den Alltag einer „Singlemama“: „und in der Gebärmutter das ganze Universum mit Sternen, / Mord, Blut, Diamanten. // “ Übersetzt hat hier Nora Pröfrock.

Alltägliches steht immer wieder im Fokus der präsentierten norwegischen Lyrik, die in ihrem Kern sehr einnehmend und tief angelegt ist. Aber auch die Liebe und die Schönheit der Natur. Drohnengleich schweben die Verse über diesen Themen, in zärtlicher Klarheit und Verbundenheit berühren sie damit die Wurzeln des Menschseins, still und hörig: „ich gehe tiefer und tiefer in diesen Wald / der mich an die grünen lichtungen erinnert auf denen wir / als kinder gingen / als jeder tautropfen ein klang war der von einem großen / klavier herabglitt //“, heißt es in dem berückenden Gedicht „Bärlauch wie ein traum“ von 0ivind Hanes, das Antje Subey-Cramer übersetzt hat. Imposanter noch nehmen sich die Verse von Thor Sorheim aus: “ Das Meer rollt mit harter Hand, / eine Faust voll Kies, zwei Wellen / mit Sand, und streicht vorbei / wie ein durchnässter Hund. Ein kleines Dorf // “ Christine von Bülow hat hier übersetzt. Mit fester Stimme spricht es die Sinne an und befördert gleichsam eine Gänsehaut.

Die Dichtung der Norweger und Norwegerinnen ist großenteils urwüchsig und ungemein echt. Sie kommt ohne die Sicht verstellende Schnörkeleien aus, denn „Sprache ist Haut“, wie es bei Halvard Foynes heißt. Und diese Haut ist rau mit zart glitzernden, fragilen Poren.

Sternenlichtregen. Zeitgenössische Lyrik aus Norwegen. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2019

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