Breughels Affen

Heißer Wind strömt durch die Gedichte von Jan Röhnert. Und immer wieder bewegt dieser Wind Vögel, Bienenfresser, Ziegenmelker, Mauersegler, Bussarde etwa. Der Dichter als Vogelkundler. Man täte diesem wunderbaren Lyriker unrecht, wollte man ihn darauf reduzieren. Dennoch bilden Vögel einen Mittelpunkt der Betrachtungen und scheinen eine Starke Quelle der Inspiration: „Einmal ahmten Spechte das Geräusch / der Schreibmaschinen nach , die / über Leben und Tod entschieden / in den Romanen, die der Steinbruch / meiner Kindheit schrieb. Die Spuren, / die Rillen und Risse und Löcher im sandigen Fels / waren mein Eintritt zur Literatur, / “

Dabei kommt es, folgt man dem Titel, doch wohl auch auf die Affen an; in Anspielung auf das Gemälde Breughels, das zwei in einem Mauerbogen sitzende, angekettete Affen darstellt, die in die Weite sehen. Diese Weite zu erobern scheint in diesem Band den Vögeln vorbehalten. Die Affen sind im Gedicht „Breughels Affen“ „Träumer, Visionäre , Sektierer, Marschälle, Erfinder“. Dies, weil sie angekettet sind. So steht in dem Gedicht die bange Frage: „Wer wüsste zu sagen, was ihnen ohne ihre Ketten blüht?“

Freiheit und Gefangenschaft sind Motive, die den Lyriker offenbar bewegen. Kühn ließe sich behaupten, dass die Affen hier in Stellvertreterschaft des Dichters stehen, der angekettet sein muss, damit seine Phantasie Grund hat, frei ziehen zu können, wie „Der Milan / „flügelweit im satten / grünen Abendlicht“. Oder werden hier in phantastischen Sprachbildern Gegenwelten einander vorgeführt, um sie meisterhaft zu konzentrieren? Darin jedenfalls ist Jan Röhnert Naturkosmopolit, der seinen Radius weit spannt, in einer Hommage an die Spatzen etwa die Französische Revolution unterzubringen weiß: „Wo die Röhre des Hauptbahnhofs ins Freie gähnt, / zwischen Gerüsten, schaukelnden Kränen, Blöcken / Blau und Grün die Zwischenräume füllt / ist ihre Einflugschneise: ein Himmelreich / für Nichts, um ein paar Splitter Blätterteig / ein Aufstand, der Bastillen schleift, Marie / Antoinette streut Kuchen , bevor man sie köpft. //“

Wie in dem Gemälde von Breughel geht es auch in dem Kapitel Teheran-Fenster um Ausblicke. Vielleicht lässt sich hier eine weitere Korrespondenz entdecken: In einem Langgedicht ist die Aussicht aus dem Fenster eines Teheraner Hotels der neuralgische Punkt auch für Selbstreflexionen. Dieser tiefangelegte, schillernde Text kommt einer hinreißenden Vibrationswelle gleich: „schiebst du am Morgen das schwere Fenster auf / gleißende Helle, im Norden / Eis auf dem Damavand / Mauersegler um Kanten Dächer Terrassen / Hochhausfassaden Gerüste kein Minarett / Staub wird zu Sonne, Sonne zu Staub / blendendes Blau“ . Und eines ist klar: „Das Gedicht gäb´ es / ohne das Fenster nicht / kein Rätsel / ohne den Spiegel / auf dem es geschieht“.

Ein sehr lesenwerter Band, bei dem Lyrikbegeisterte voll auf ihre Kosten kommen. Um in die facettenreichen Stimmungen der Texte gänzlich einzutauchen, muss man ihnen allerdings die volle Aufmerksamkeit schenken. Dies ist keine Lyrik to go. Dafür ist sie um so nachhaltiger.

Breughels Affen. Gedichte. Elif Verlag. Zweite Auflage 2020.

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