Wir alle strahlen

Die Gedichte dieses Lyrikbandes von Matthias Engels stecken Lebensräume ab, dies kunstfertig mit den Eckdaten des Alltäglichen, die entlang des Jenseitigen laufen. Der Mond, der oft vorkommt, bildet hier scheinbar das Scharnier. Dieser Lyriker hat einen ganz eigenen, unverwechselbaren Ton und ich denke, ein größeres Kompliment kann man einem Lyriker kaum machen. Er ist wach, aufmerksam, erhaben und verhalten zugleich. Er vermisst die Welt. Das macht die Dinge beredt, gibt ihren Abständen zueinander Philosophie. Er spricht von der Peripherie her, wodurch eine scharfe Konturierung erreicht wird. Nie hat man es nur mit Skizzen zu tun. Immer sind es kristallklare Bilder. Jene sind so exzellent, das sie oft stauen lassen: „Der mond ist gegangen / und in der pfütze schnappen karpfen / nach den sternen //“.

Daneben findet auch das Skurrile seinen Platz, ohne scharfkantig zu sein: „ meine eltern sagen immer / ich ähnele dem herbst und der eibe / meine eltern sagen immer / ich käme nach dem wild und treibholz /.“

Neben dem lyrischen Ich steht auch immer wieder das Du im Zentrum, gepaart mit der Sicht auf die Verhältnisse im Schatten und Licht: „ich erkenne dich / an allem was ich nie / über dich sagte/“.

Entlarvend, investigativ, gesellschaftskritisch überrascht dann das Titelgedicht „Wir alle strahlen“. Auch dies weiß Matthias Engels unterzubringen in seiner Zelebrierung des Alltäglichen: „wir sind angehörige eines heldengeschlechts / von unserer großartigkeit geblendet / aber jeder unserer liebesschwüre endet / mit der erklärung unseres widerrufsrechts / “.

Vieles mündet in eine große Suche nach dem Kern, der alles zusammenhält. Nach Gott? Vielleicht. Er kommt vor, unter anderem im „Morgengebet“: „Du gott der krankheit – dreifach gefaltet / “

Alles fließt, um mit Heraklit zu sprechen. Das macht die Gedichte von Matthias Engels so berückend. Man kann sich treiben lassen in diesem lyrischen Fluss, der schlicht begeistert und voller Dynamik steckt, selbst noch im Vergehen: „und all das welke geht mit / es ist kein geheimnis wohin / immer du schreitest / begleiten dich / saat und keimnis / ist der garten schoß / und offener sarg / zugleich“.

Matthias Engels setzt einen besonderen Stein in das Mosaik der Gegenwartslyrik, dessen Farbintensität und Klangtiefe- und Schärfe noch immer zu wenig Beachtung geschenkt wird. Längst hätte er einen vorderen Platz in den Reihen der Lyrikpreisträger verdient.

Wir alle strahlen. Matthias Engels. edition offenes feld, Dortmund 2020

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