Wilde Tiere. Krišjānis Zeļģis

In fünf Gedichtzyklen finden in diesem Lyrikband Alltagssensationen ihren Raum. Nicht nur um wilde Tier geht es, sondern auch um ein wildes Herz, das in den Versen dieses lettischen Lyrikers schlägt. Die Gedichte sind Windlichter in schonungsloser Zeit. Wir sitzen auf einer Mauer, lassen die Beine baumeln und schauen ihnen zu. Aus dieser sicheren Position heraus werden wir von Krišjānis Zeļģis herangeführt an kristallklare Befindlichkeiten.

“die wilden Tiere fressen / der Luftdruck streichelt freundlich ihr Fell/. Immer wieder scheinen die wilden Tiere, der Wal etwa oder die Eichhörnchen, die Füchse dabei Hüter des Lyrischen Ichs zu sein, das ansonsten auseinanderzufallen droht in der Unübersichtlichkeit der Welt und ihren fordernden Einflüssen: „ich kann nicht trinken / ich bin zu jung / wie eine eingewachsene Birke / und ich weiß wie es ist eine Hochzeitstafel zu zertrümmern / das größte Fest deines Lebens // Füchse die überfahren werden würden zustimmend nicken / “.

Andernorts werden Zeiträume gesprengt in dieser glänzenden Lyrik. Dann mutieren die Gedichte zur fordernden Musik, die man mit allen Sinnen wahrnehmen kann: „die Stadt hat alle ihre Schlote angestellt und wartet / du spürst schon die industrielle Revolution an deiner Tür / ein ganzes Jahrhundert in deinem Hausflur/ “.

Bei diesen Streifzügen durch das Groteske unseres Daseins fallen wir nicht aus dem Rahmen, sondern sind eingemeindet. Und die Verhältnisse sind in ihrer herrlichen Skurrilität nachhaltig:

„ich arbeite in der rumänischen Botschaft / und morgens trage ich in Mayonnaise-Päckchen / die Sonne mit mir herum /.

Krišjānis Zeļģis, der mit beiden Ohren dicht an der Welt lauscht, entwirft ein poetisches Mosaik, das filigran genug ist, um scheinbar profane Details nicht nur auszuhalten, sondern sie auch in den Mittelpunkt zu stellen: „ich sitze auf einer Matratze und kaue langsam / eine halbe gelbe Paracetamol / “ Die Details sind wichtig. Sie sind die kleinen Steinchen, die, in den großen poetischen See geworfen, faszinierende Wasserringe erzeugen: „wieder eingeschlafen sehe ich eine Antwort im Traum / streichle friedlich den Saum des Bettlakens und stehe auf / lasse meine Aufzeichnungen unberührt / “.

Diesem Lyriker gelingt es in phantastischer Weise unsichtbare Bewegungen, die über das Erfahrbare hinausgehen, transparent zu machen, damit sie in unserer Phantasie aufleuchten können. Für mich ist das ein ganz wichtiger Anspruch, den ich an gute Lyrik stelle. In grandioser Weise wird Krišjānis Zeļģis diesem Anspruch gerecht. Es knistert und raschelt in seinen Gedichten, es tobt und jongliert, hinter, über und unter den Zeilen.

Der Dichter und Schriftsteller Adrian Kasnitz hat aus dem Lettischen ins Deutsche übertragen. Man muss des Lettischen nicht mächtig sein, um zu erspüren, dass hier eine sehr feine, einfühlsame Übersetzung vorliegt.

Krišjānis Zeļģis. Wilde Tiere. parasitenpresse. Köln 2020.

Ein Kommentar zu “Wilde Tiere. Krišjānis Zeļģis

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