Die weißen Freuden des Yeti. Ludwig Steinherr

Wenn man die Gedichte von Ludwig Steinherr liest, hat man das Gefühl, man durchschreitet eine breite, schöne Straße mit Häusern, die wunderbare Fenster haben. Wir sehen durch ihr filigran gearbeitetes Buntglas, gewinnen auf diesem Wege Einsicht in die Erlebniswelt einer Mumie etwa. Gerade jene Verse sind von betörender Sogkraft: „Vor ihren Augen tanzten feurige Hieroglyphen / im Halbschlaf starrte sie der Schakalskopf des Annubis an / zum Totengericht – //. Oder „Das Jenseits erwachte mit ersten Lichtern über Palmen – // Rosa und Türkis – // Der schönste Moment / ihres Lebens“.

Überhaupt das Altertum. Immer wieder kommt es vor in den Texten und ist offenbar von großer Bedeutung für diesen Lyriker. Die Zeit scheint aufgehoben in solchen Gedichten, Jahrtausende verjüngen sich gefühlt in einem Gestern. Meisterhaft gelingt das: „Selbst am hellen Tag / entdecke ich jetzt manchmal // eine blaue Scherbe im Sand / ein Götterauge, freigepinselt // starrt mich an“. Leser und Leserin fallen geradezu in den Schoß dieser Betrachtungen. Und die Bilder sind nachhaltig, das Götterauge verfolgt. Es gibt keine Ruh. Die intensiven, fein ziselierten Alltagsbetrachtungen nicht minder. Da werden zum Beispiel die Sandalen der Tochter mit poetischer Magie aufgeladen. Die Sphäre, in die man gerät, ist darüber hinaus nicht selten unterhaltsam. Man hat Freude beim Lesen und ist zugleich ergriffen von den tieferen Tönen: „Hölderlin hat einen Sprung / wie diese kostbaren japanischen Schalen / die man mit Gold kittet // “.

Große Schauplätze, in die die Verästelungen des Alltäglichen eingearbeitet sind, imponieren. Die Worte strömen durch heiße Meere zu uns: „Dieses Grillenzirpen / moussierend im Blut / Aphrodisiakum – // “. Alles beruhigt sich dann in der Verortung des Selbst des Dichters, dem Umriss des Schaffenden, der durch ein beredtes Feld schreitet. Dabei ist er nicht ohne Sorge: „Kann sein / die Worte gehen mir aus – / Vertrocknen im Wüstenwind / zu Tumbleweed Steppenläufern / “. Mutiert er in einer Vision zum Yeti, im letzten Text? „bis ich verschwinde in meinem Haar / wie in weißen Wolkengebirgen / eine weiße Legende / ein weißer Yeti -“.

„Die weißen Freuden des Yeti“ jedenfalls sind famose Ideenspiele, in denen mit roten Schwertlilien gegen die Vergänglichkeit gekämpft wird. Wir ernten reife Trauben, wenn wir sie lesen, Trauben, die nach Meerwasser schmecken und unseren Blick versüßen.

Die weißen Freuden des Yeti. Ludwig Steinherr. Lyrik Edition 2000. Allitera Verlag 2020

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