Die Reise des Sinns

Ich lege den Sinn in weiße Koffer
und trage sie über den Bahnsteig.
Der einrollende Zug nimmt mich auf. 
Die weißen Koffer werden zu Vögeln, 
die durch die Waggons fliegen. 
Sie schlagen gegen die schmutzigen Scheiben. 
Milch tropft aus ihren Flügeln. 
Ich koste die Milch. 
Sie schmeckt nach Fragen, 
über die ich meine gebrechlichen Zelte breite.

Meine Zeit ist ein Ei, das der Wind geformt hat.
Ich fühle in die Schlagader ihres Endes. 
Ich konzentriere mich auf das Ticken der Uhr.
Jede Sekunde ist eine Ballerina kurz vor dem Fall. 
Ich falte meine frostigen Hände zum Gebet. 
Die Worte fallen auf den Boden. 
Gott sammelt sie auf.

Der Zug hält. 
Ich steige sinnlos aus
und gehe durch regennasse Straßen, 
vorbei an schnaubenden Schimmeln. 
Ich wärme meine Hände an ihren Nüstern. 
Der Sinn fährt davon im Zug, 
damit er das Meer noch vor dem Abend erreicht. 
Ich erwarte seine stillen Briefe. 


Kerstin Fischer     
         

2 Kommentare zu „Die Reise des Sinns

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