Unvollendete Musik. Angelina Polonskaja

Auf schwarzen Samt gebettet sind die Gedichte von der russischen Lyrikerin Angelina Polonskaja in dem Band „Unvollendete Musik“. Die leidende Seele steht im Mittelpunkt, die Tristesse in ihrer schönsten Melodie und vollen Dynamik: „Strauch der Wünsche, / der Wind hat die Bänder abgerissen, / und seitdem / ist die Dunkelheit über mir / ohne Schrecken. / “. Sie sind wie schweres, schönes Parfüm die Verse, und sie sind von Vergänglichkeit umwoben, die nicht so leicht auszuhalten ist: „Möge mein Widerschein / in deinen Augen bleiben, / eine Hieroglyphe, / bis er ganz verschwindet.“ Alles erinnert irgendwie an Trakl auch wenn ein ganz anderer, sinnlicherer Rhythmus die Zeilen beherrscht.

Die Tücher der Melancholie berühren. Dazu die bizarren Visionen, die großartig sind und unter die Haut gehen. In ihnen schlägt ein dunkler Puls, der trotz aller Ausweglosigkeit immer eine Handbreit über dem Abgrund hält. Man spürt das Licht, auch wenn es unerreichbar und beschädigt scheint. Aber vielleicht ist es auch nur da, um die Dunkelheit abzugrenzen: „Mein Stern, / dein Licht-Blut fließt dahin, fort in die Bretterdiele, / und krampfhaft zuckst du mit den Strahlen.“.

Mit Lyrik noire hat man es zu tun, in feiner anschmiegsamer Komposition: „Näh mir das Herz zu. / Die Schlüssel brauchst du nicht herauszunehmen. / Nähen wirst du mit eisernem Faden, / “ Nicht von ungefähr setzt der Tod seine Spur in vielen Gedichten, mit seinem schwarzen kompromisslosen Eis. Alles wird zu Asche, das ist die Aussicht, immer wieder taucht sie auf.

Das lyrische Ich leidet an der Vergeblichkeit, und es hat niemanden, den es dafür verantwortlich machen kann. Vielleicht ist das die größte Qual, die über die schönen, morbiden Wellen dieser Verse treibt: „Mögen die Toten die Lebenden tragen / auf ihren gespenstischen Armen, kein Auge zu tun. / Wie die Toten uns, ihre Schatten, / oft gerettet haben.“

Es wirkt so, als seien die Gedichte in ein ruhiges Meer gesprochen. Fische sind darin, die verschlingen und Trübsal ausspeien und eben Asche: „Liebe vergeht / Selbstmord bleibt im Kopf. “. Die Texte baden in Finsternis und werden mit Leid getrocknet. Einerseits ist man fasziniert von den phantastischen Bildern und der kunstvollen Wortakrobatik andererseits bedrückt. Asche als einzige Aussicht, der Gedanke ist eben schwer zu ertragen.

Aber man täte der zweisprachigen Ausgabe, die in einer wundervollen Übersetzung von Erich Ahrndt vorliegt, unrecht, wollte man darauf reduzieren. Der Lesegenuss ist grandios, denn die Bilder und Visionen lassen staunen, staunen über die Poesie des Leidens und der Finsternis. Eine große Dichterin ist hier am Werk.

Unvollendete Musik. Angelina Polonskaja. Neue Lyrik Band 95. Leipziger Literaturverlag 2020

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