An der Peripherie des Wartens

In meiner dunklen Kammer liegt ein Engel.

Er breitet die Flügel über meinen Alptraum.

Ich schlafe in Nachtmilch. Sie läuft über meine Haut.

Von dort tropft sie in die Ritzen der Dielen.

Sie ist wieder dunkel geworden nach dem Sonnenuntergang.

Vor zwei Tagen noch war sie himmelblau.

Sie ist fieberheiß und meine Beine sind taub.

Ich gehe mit tauben Beinen über die Straße in meinem Traum.

Ich berühre dich. Du bist aus Wachs. Ich bewache dein Wachs,

bis es zu Fleisch wird. Dann gehen wir auf den Markt, vorbei an den Schönen

mit den langen Haaren und den gegerbten Seelen. Du flüsterst mir zu,

aber deine Worte fallen durch die Netze der Fischer.

Eigentlich befinden wir uns auf hoher See.

Die Segel unseres Haderns sind gebläht.

Darüber die Möwe, sie frisst dir aus der Hand, wenn du sie darum bittest.

Ich trage heute mein graues Kleid. Mach es rot mit deinem glühenden Herzen,

damit ich keine Fußspuren hinterlasse in der Belanglosigkeit des Weges.

Du kaufst mir Zuckerwatte, hinter der ich mich verstecke.

Mein Gesicht ist ein Oval ohne Augen. Ich taste mich über die Erde mit blutenden Füßen.

Bis die Früchte reif sind, muss ich bleiben. Ich vergrabe mein Warten

in den Sanduhren. Die Tage gehen hin wie müde Elfen.

Siehst du die Aprikosen auf dem Nachtschrank? Sie sind Wissende in dieser Stunde.

Ich trinke ihr Gelb und stelle leuchtende Fragen an die Zeit, die alte, gütige Mutter.

Sie antwortet in bleichen Schleiern, die meine Hoffnung füttern,

als sei sie eine störrische Ziege, die auf ihr Wiegenlied wartet.

Wohl deshalb lacht Gott mich an.

Kerstin Fischer

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