Neophyten. Thomas Rackwitz

Mit einem anmutigen Vexierspiel, changierend zwischen Anziehung und Abstoßung zweier Liebender, fasziniert Thomas Rackwitz mit dem Sonettkranz, der mit „NEOPHYTEN“ überschrieben ist und dem Band den Titel gegeben hat. Es geht um Verortungen: „und doch verlernte ich, nach dir zu brennen. / das ausgereizte ist nur noch profan. / in eros´ welt sind wir die neophyten.“ Die Liebe begegnet als komplexes Wesen, ringend, atmend und verschlingend. Dennoch bleiben ihre Ambitionen geheimnisvoller Entwurf, schön, zärtlich, wie mit seidenen Flügeln berührt, aber oft auch makaber: „wir lieben uns – so wie der tod sein totenhemd, / wie die skorpione ihr verstecktes gift. / was uns verbindet? viel zu viele risse …“ Deshalb überraschen die Verse immer wieder und versetzen in Erstaunen. Sie fordern die Phantasie heraus, die einsehbaren Felder weiter zu stecken, um tiefer zu schauen. Dies geschieht ganz spielerisch. Und das ist das Phantastische an diesem Lyriker. Ähnliches lässt sich mit den Gedichten des Mittelteils erleben, die darüber hinaus markige Geschichten bergen und verblüffen. Hier tummeln sich etwa der Hulk, Gespenster, Drache, Kobolde und der Riese: „dass der riese aus dem krieg zurückkehren würde, / konnte ja nun wirklich niemand ahnen … // “ Oder „zurück in der fremde, ist er zu schwach, / sich alleine den arsch abzuwischen. // “

Mit exakt ausgeführten Annahmen hat man es zu tun, rauschhaft und immer wieder humoresk, dass es eine Freude ist, sich ihnen hinzugeben.

Dann folgt ein zweiter Sonettkranz. Requiem. Eine morbide Hommage an das Meer, klangvoll und respektierlich der Naturgewalt gegenüber: „liegt sich das meer wie du bei ebbe wund, / dann werden sie dich aufgefunden haben: / am wendepunkt der dunklen zeiten sund.“

Die Verse sind berückend und künden von dem großen Potential, das diesen Dichter umtreibt : „nichts ist gewiss im salz der stimmen: / zu unruhig ist des meeres schrift, / weil seine hieroglyphen dann verschwimmen, / wenn das lebendige auf totes trifft. // “

Immer wieder steht der Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart in amüsantem Spannungsverhältnis: „einst lebten hier die götter nach gesetzen. / heut sind sie wider die natur. // “

Nichtsdestotrotz sind die maritimen Szenarien schön-schauerlich zu nennen. Der Ton des Requiems etwa läuft indes aber nur am Rande der Melancholie, fängt sich immer wieder, bleibt froh gestimmt. In imponierender Weise werden düstere Bilder in buntem Licht bewegt. Das macht die Texte leicht und tiefsinnig zugleich. Nicht zuletzt ist dies der feinen, brillanten Dichtkunst dieses Lyrikers geschuldet, die auch mich, die ich die freien Verse favorisiere, überzeugt.

neophyten. thomas rackwitz. mitteldeutscher verlag 2020

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