Der Zigeunerchristus. Sophia de Mello Breyner Andresen

Für ihren Gedichtzyklus „Zigeunerchristus“ hat sich Sophia de Mello Breyner Andresen von einer Legende inspirieren lassen: Im Sevilla des 17. Jahrhunderts lebt ein Gitano, genannt „El Cachorro“. Er ist ein Meister an der Gitarre und im Flamenco-Gesang. Währenddessen erhält ein angesehener Holzschnitzer den Auftrag, ein Werk zu schaffen, das das Sterben Christi verarbeitet. Auf der verzweifelten Suche nach einer Vorlage findet er den von Messerstichen verletzten „El Cachorro“ im Todeskampf. Wer ihn getötet hat, das bleibt im Dunkeln. In einer anderen Variante der Legende ist der Künstler selber der Mörder. Dies Schuldigwerden um der Kunst Willen trägt den Gedichtzyklus von Sophia, wie man die bedeutendste portugiesische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts in ihrer Heimat nennt. An die Stelle des Holzschnitzers ist ein lyrisches Ich gerückt, das getrieben wird: „Wo finde ich dein Bild / oder gar dein Porträt / Im Lichte des Morgens //“ Der Tod ist gemeint. Wo findet sich das Sterben inmitten des Lebens? „Wo finde ich dein Bild / Oder gar dein Porträt / An den milden Abenden / In den prallen Früchten“.

Die Obsession, die eigentliche Passion ist untergebracht in höchst emphatischen Versen der zweisprachigen Ausgabe, die Sarita Brandt übersetzt hat. Das lyrische Ich, es handelt scheinbar unter Zwang. Geradezu anmutig wird dieser Zwang beschrieben, die Ambivalenz zwischen töten müssen „Und dann eintauchen in eine nie endende Nacht.“. Grandios komponiert ist sie. Es gibt auch keinerlei Bedenken, der Mord geschieht aus einer Selbstverständlichkeit heraus. Die Tat, sie kommt ohne Ringen aus, in dieser poetischen Fallstudie: „Weiß wie Kalk sahen die Wände zu wie man tötet / Sie sahen den unheimlichen Glanz des Messers / Seinen leuchtenden Blitz und seine flinke Geste.“ Dann wird die Befreiung, die das lyrische Ich nur durch das Töten erreichen kann, gefeiert mit den Versen : „Langsam sehr langsam stirbt ein Mann / Dunkel öffnet sich im Garten die Nacht / Eine Nacht mit abertausenden Sternen / Funkelnden hellen makellosen Sternen //“.

Das Ziel ist erreicht, der Tod wird sichtbar und damit abbildbar. Der Bildhauer findet seinen Frieden.

Einem großen originellen Thema hat sich Sophia da angenommen, in einer fantastischen lyrischen Inszenierung, denn über den groben Schatten menschlicher Abgründe liegt ein goldenes Licht, das durch die stillen, leise Pforten einer großen, hochempfindsamen Dichterin fällt.

Der „Cristo Cigano“ ist vor fast 60 Jahren erschienen und wurde nun erstmals ins Deutsche übertragen. Ein besonders hochwertiger Stein im Mosaik portugiesischer Lyrik.

Der Zigeunerchristus. Sophia de Mello Breyner Andresen. Elfenbein Verlag 2020

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