die krankheit wunder. le beatitudini della malattia. Roberta Dapunt

In stillen, schattigen Bächen fließen die Gedichte dieses Lyrikbandes, die die Demenz zum Thema haben, zum Leser und zur Leserin. Das ansehnliche Pas de deux zwischen Kunst und Psychopathologie, das die Intimität zwischen Uma, was im ladinischen Mutter heißt, und dem sie pflegenden lyrischen Ich eröffnet, ist eindrucksvoll und in hohem Maß authentisch: „Und derweil ich dich wasche verschwistern die wimpern sich / und die blätter der vogelbeere im september.“

Die schöne Tragik, die in den scheuen Versen liegt, lässt demütig werden, demütig vor dem Leben und seinem systemimmanenten Leiden: „Und ist die einzige die dich stützt, die stimme, / instrument des einklangs zwischen dir und dem göttlichen.“ Ein zarter Schrei an den Übergängen liegt über dem Band, von dem wir nicht wissen, von wem er ausgeht. Schreit Uma aus den Tiefen ihrer geistigen Gebrechen oder ist es das lyrische Ich, das immer wieder an seine Grenzen kommt, die stets neu definiert werden müssen?

Alles in allem wird ein gleichsam geheimnisvolles als auch staunend machendes Zwischenreich inszeniert. Das Rad der Krankheit dirigiert darin die täglich sich lösenden Blätter. Hingebungsvoll wird dabei die Würde der Erkrankten gewahrt: „wie deine stirne ein fallendes feld ist / über das du stapfst in langsamen steigen bis zum haus am abend. / und da, unter dem feld zwei stechende disteln, / sind die augen eines gesammelten lebens. / Einsamkeit in blüte gelassen da um den september zu beenden. // “

Immer wieder wird die Nähe zum Prüfstein. Die feinen Äste eines stillen Dialoges und seiner Gezeiten sind auf wundes Papier gezeichnet: „So gehst du an mir vorbei, / die du in jeder Bewegung frei bist von ursachen. / mich lässt du allein, zu beurteilen deine schritte / und meine angst vor dem tod.“ Der reflektierte Umgang mit Uma führt oftmals auch zur Selbstspiegelung. Eine schöne Innenschau entfaltet sich auf diesem Wege am Saum der Krankeit, dem „drüben“. Aber auch hier geht Roberta Dapunt vorsichtig durch ein Feld, wobei sie drauf achtet mit ihren Füßen nichts zu erdrücken. Nie aber sind die Verse ängstlich, beherzt wird sich dem Verfall gestellt. Und manchmal schimmert auch eine gewisse Chance hindurch, die etwas Tröstliches hat: „Dass mir erlaubt sei zu sagen: die krankheit wunder, / denn im geist hast du erreicht den vollkommenen zustand / der erinnerungen die keine augen mehr haben und nicht zurückschauen.“ Das graue Gesicht der Demenz erhält auf diese Weise eine leichte Röte über den hohen, harten Wangenknochen, die zutiefst berührt und die Sicht auf die Dinge verändert.

Dieser Lyrikband ist auch Ärzten und pflegendem Personal zu empfehlen, denn der tiefe Blick der Dichterin kann helfen zu verstehen. Der Schrecken der Krankheit wird, wenn auch nicht überwunden, so doch in frage gestellt. Das ist eine große Leistung dieses Lyrikbandes. Er liegt in zweisprachiger Ausgabe vor und wurde von Versatorium, dem Verein für Gedichte und Übersetzen, einfühlsam aus dem Italienischen übertragen. Zu erwähnen wäre noch, dass die Dichterin selber die Pflege der dementen Mutter übernommen hatte. Ihre Lyrik hatte diesen Weg begleitet, vielleicht als ein entscheidendes und Kraft spendendes Lebenselixier.

die krankheit wunder. le beatitudini della malattia. Roberta Dapunt. Folio Verlag Wien / Bozen 2020

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Der Hotlistblog

UNABHÄNGIGE BÜCHER – UNABHÄNGIGE VERLAGE

leseschatz

Erlesenes von Hauke Harder

Pega Mund : driftout

poems notes marks occur blur crave. durch die tage : status und gedicht.

Windstriche

Steglich WordPress.com weblog

muetzenfalterin

die Welt unter meinem Hut

parasitenpresse

Verlag für neue Literatur

Nacht und Tag

Literaturblog

LiteraturReich

Ein Literaturblog

quarantänelyrik

»ihr lest keine lyrik, seid ihr wahnsinnig?«

Das poetische Zimmer

ein Raum voller Lyrik, Gedichte, Poesie

ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

%d Bloggern gefällt das: