Ein morsches Licht. Anke Glasmacher

Die Gedichte von Anke Glasmacher sind wie heißer Nachtregen, der über das Land zieht. Sie schleudern die Sinne, indem sie die Kälte herausfordern, mit ihrer klaren, gläsernen Sicht auf die Welt und den Moment: „nichts bezaubert so / wie das leiden des dichters / der mit seinem stift versucht / der kalten tinte zu entfliehen //“. Immer wieder wird die Morbidität gefeiert: „aus meinem stumpf / quillt eitrig / die neue brut“ oder „der wechselhafte tod / am ufer / wandert er entlang / und schüttet morsches licht / über das kind / auf der sandbank“. Der Tod als stiller Begleiter ist in magischer Weise essenziell. Keine Frage, man hat es mit Lyrik noire zu tun.

Die Texte hinterlassen tiefe, imposante Spuren an breiten, schwarzen Stränden, so minimalistisch sie auch oftmals angelegt sind. Nicht zuletzt ist das der enormen Dichte geschuldet, die sie ausmacht und für ein phantastisches Leseerlebnis sorgt. So wird in interessanter Weise das Nachteis geformt, still und absolut, so als sei nichts vergänglich. Immer wieder werden dabei aber auch die Schatten zu Sternen gebrochen: „um den horizont / rankt der gesang / der nachtigall // am mondrand / verglüht / der gott der nacht“.

Das lyrische Ich hält einen dunklen, scharfkantigen Kristall in Händen, mit dem es in das Fleisch des Lesers und der Leserin schneidet. Der Schmerz ist süß. Die Verästelungen des Dunklen werfen eindrückliche Muster. „wie schlecht verheilter / teer liegt ihre gehäutete / seele nun auf mir // wundsam verfriere ich / und schlucke aus versehen / ihr tränensäckchen“. Die Lebenszusammenhänge geraten zu einem dunklen Rinnsal, das in bunten schillernden Schalen aufgefangen wird. Meisterhaft gelingt dieser Spagat: „ einen hexentanz / veranstaltet die skatgemeinde / um den brennenden altbau //“.

Zumeist haften die Gedichte an den schwarz geschminkten Wimpern des urbanen Lebens. Ihr Rhythmus aber ist ländlich ruhig, ein wohltemperiertes Steigeisen für die bizarren Visionen: „ auf dem vergnügungsrad / sitzt noch einer / dem sie steine in die blutbahn / pflanzten“.

Die finsteren Szenarien in vielen der Texte sind verstörend im besten Sinne. Ein Echo bleibt, das einem Schauer über den Rücken jagt und gleichzeitig in raffinierter Weise berückt. Zweifellos hat man es hier mit Dichtkunst vom Feinsten zu tun. Anke Glasmacher hat das Potential, das ich mir von Lyrikern und Lyrikerinnen wünsche.

Ein morsches Licht. Anke Glasmacher. Elif Verlag 2020.

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