Mitbringsel. Walle Sayer

Walle Sayers Gedichte lauschen am Blau des Augenblicks, an den Überlagerungen all seiner anonymen Facetten. So wird der Augenblick zum Faszinosum und gleichsam zur Wundertüte, die sich dem Leser und der Leserin öffnet: „Morgenröte, da die Straßenlampe erlischt, jetzt, / wenn die Nachtschwester bei der Übergabe gähnt, / die Brezeln in der Bäckertüte noch offenwarm sind, / “.

Die skurrilen, wendigen Gegenüberstellungen machen die Gedichte in eleganter Weise strapazierfähig: „ Die Umschwärmten sind mit Abwimmeln beschäftigt / Uneinholbar der Vorsprung, vertändelt in der Nachspielzeit. / Zuversichtlich kandidiert ein Amtsinhaber gegen sich selbst. // “. Die vermeintlichen Nebensächlichkeiten werden dabei zu Königen. Sie laufen über Teppiche mit Jacquard Mustern: „Einen Würfelbecher schütteln, darin / eine Kastanie ist, ein Strandkiesel / und eine schillernde Murmel.“ Oder, „ Und einen dieser abgebröckelten Steine aufheben. / Anhören, was er zu sagen hat. / So bin ich aufgenommen worden. / So wurde ich eingeweiht.“.

Die Vereinigung zwischen untereinander scheinbar Beziehungslosem ist ein Kernthema dieser Dichtung, die daraus in sich geschlossene Miniaturgemälde hervorbringt, die man lieb gewinnt: „Welche Adernmuster tragen / die vertrockneten Insektenflügel / im Gehäuse deiner inneren Uhr. //“.

Walle Sayer ist wie ein Puppenspieler, der phantastische Erkenntnisse aus wenig Spektakulärem heranreifen lässt in seiner Inszenierung. Auf diese Weise entstehen glückhafte, vergnügliche Momente beim Lesen, wobei der Humor in angenehmer Hanglage verharrt, nie drängt er sich auf oder wird gar übermächtig. Mit besonderem Geschick werden dabei immer wieder bildreiche Nuancen inseriert, die in ihrer Feingliedrigkeit anrühren wie Inklusen im Bernstein.

In grandioser Weise fluten die Gedichte den Sinn des Profanen mit Lichtgloriolen, um ihn im nächsten Schritt wieder über einem weiten Mohnfeld zu zerstäuben: „Vor den Häusern lehnten Säcke / voll alter Kleider, um die / niemand gewürfelt hat. //“. So wird das Dickicht des Alltags zu einer Sinfonie komponiert, die ihres gleichen sucht: „Fensterläden applaudierten dem Wind.“.

Diese Gedichte sind feine, sprachgeschliffene Diamanten, die man noch lange nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat, für sich bewegen wird.

Mitbringsel. Walle Sayer. Klöpfer, Narr, 2019

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