weil es keinen grund gibt für grund. Axel Görlach

Eine Kraftader geht durch die Gedichte von Axel Görlach, die mit eindrucksvollen Details poetische Krater aufreißt, wie in dem Zyklus „slavkovský les – grenzland“ des Bandes: „dahinter die blühende rodung / mit einem torso aus holz, schlafsäle atmen / durch vernagelte fenster den tag/“.

Immer wieder sinken Visionen des lyrischen Ichs, denen etwas Existenzielles anhaftet – obwohl aus dem Profanen, scheinbar Beiläufigen gewachsen – in neuralgische Punkte. Sie machen diese Lyrik so absolut überzeugend. Alles, was in den Blick gerät auf der Landschaftsbegehung im ersten Zyklus, ist überströmendes Ereignis: „im himmel wurzeln mit kahlen ästen die ufer / bäume, die nicht geborgenen / krähen fliegen ihre spiegelbilder / unter das eis & meine lider /“. Die Bilder greifen tief und berühren intensiv. Man ist wie betäubt von dem poetischen Licht, das Axel Görlach mit seinen Versen aussendet und mit eigenen phantastischen, kunstfertigen schwarz-weiß Fotografien untermalt. Eine feine Verstiegenheit ergibt sich, die die Leser und die Leserinnen mit auf die Reise nimmt, bei der sie in der Obhut einer gleichsam souveränen als auch empfindsamen Dichterstimme bleiben. In behutsamen Schritten werden dabei die Landschaftsbetrachtungen mehr und mehr zu Intarsien: „nebel zieht durch zugvögel / die sich auflösen, ein sühnekreuz / sucht sich eine neue haut / aus moos & geht /“ Oder: „echos unter den erlenrinden / lenken meine stiefel bis an den fuß der treppe / sie steigen durch tautropfen / wie durch offene fenster, die mich nicht sehen / “. Man hätte sich noch mehr davon gewünscht, als es in das Kapitel mit den „Clips“ übergeht. Hier dominieren sprachliche Tumulte und Wortakrobatik, die allerdings nicht minder beeindrucken: „die architektur von wiesenblumen honig das spiel / durchsichtiger yukatafinger auf barcodes / die sich kringeln hell auf deine schulter fallen“.

Rauschhafte Bilder mit überraschenden Essenzen finden sich dann in dem Kapitel „falsche buchten“: „im magnetfeld // der u-bahn beschleunigte ratten mit / elektrischen adern das überirdische brüllen / vom schlachthof die stadt ist auch nur ein acker / auf speed jede nacht bricht zorn einen zahn /“.

Gleich in mehreren Anläufen gönnt der Lyriker der Farbe Blau eine Hommage. Grandios gemacht schwillt die Farbe in den Texten zu einem Phänomen an. Die eigene Konzentration auf Blau wird geschult, überall sieht man mit einem Mal dieses Blau: „stichblau, knirschendes zähneblau, karateblau, hoch / trainiertes, schwindelndes ewigeisblau, edelweißblau /“. Ich lege so die Schablone des Dichters in meiner Welt an, wenn er gut ist, wenn er nicht gut ist, faulen die Wörter auf dem Papier ohne Folgewirkung. Und Axel Görlach ist gut, sehr gut sogar. Man kann sich seiner Wahrnehmung anvertrauen, sie bereichert und verändert den eigenen Blick, ohne Wiedererkennung zu erwarten. So auch in dem Kapitel „Rodinia“: „weiter tragen ströme altes sprachland ab / seine echos versteinert in schluchten / “.

Ich habe mich infiziert an diesen Verästelungen, die verschiedene Wirklichkeiten durchdringen, die am Schicksal graben und seine Insassen ausfindig machen.

weil es keinen grund gibt für grund. Axel Görlach. edition keiper 2021

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