Ehinger Tor Utopien / Abfahrtszeiten. Marco Kerler

Das Ehinger Tor, eine Haltestelle, wird in den Gedichten zur Insel, die uns in Sicherheit wiegt, während das lyrische Ich auf den Bus wartet, der aus der Tristesse rettet, ihrem wachhaltenden, von Schneeresten bedrängten Grau. Ein Grau, das durch die Zeilen schimmert und in die schattigen, minimalistischen Denkmuster sickert, die in ihrer Pointiertheit immer wieder verblüffen. Bis alles Farbe erhält im Du. Die vermisste Anwesenheit dieses Du spiegelt buntes Glück: „ich sitze auf der Metallbank und rauche / die Sekunden ein Zeitspiegel / bis eine kommt und sagt dass es verboten sei / Zu warten frag ich / und hab dich hier nie getroffen“.

Die Momente, in denen sich scheinbar nichts bewegt, die Ruhe vor dem Sturm ohne Sturm, nie wird sie langweilig, immer ist sie voll Spannung, voll Anregung: „ich halte den Atem an / schwimme durch das Ehinger Tor / die Zähne des Haifischs / Arme des Oktopus / das Gefühl das das gut sei vielleicht / der Morgen geht fort / die Sonne und dein Schein / “. Die Insignien des Wartens, des Wartens auf den Bus, auf das, was da noch kommt, werden dabei zur Matrize, die uns überredet inne zu halten, den eigenen Moment zu überprüfen, wie viele Wirklichkeiten zählt er? Dann sind da noch die eigentlich monotonen Busfahrten, mal sind sie „exzentrisch“ aber irgendwie dann doch integer ohne zu langweilen. Das Unterwegssein, jenes Zwischenreich, das nicht verlassen und nicht ankommen meint, instruiert uns in Achtsamkeit: „darauf zu konzentrieren ich / verlasse die Stadt / mit Falken- / flügeln ich betrachte die Stadt / mit Adleraugen dann steh ich / am Horizont eine Schwalbe / im nebligen Raum“. Ein exzellenter Kenner der Stille innerhalb morastiger Geräuschkulissen offenbart sich und beglückt mit solchen Versen.

Und das Poetische daran? Es zieht sich wie eine Wasserader durch die Texte. Sie ist unterschwellig aber dennoch von ungeheurer Präsenz. Das ist die Besonderheit dieser Gedichte, die ohne Affekte auskommen, aber dennoch enorm impulsiv erscheinen: „Die Wochentage wie Geister ich / filtere Mondgeschichten aus jenen / wolkenlosen Gedanken sitze weit / vorne im Bus halte mich fest als ich / bemerke wie verspielt die Sonne ist / “.

Der Lyrikband besteht eigentlich aus zwei Lyrikbänden, die jeweils mit einem eigenen Cover ausgestattet sind, eines auf der Vorder- und eines auf der Rückseite. Dem ersten Band „Ehinger Tor Utopien“ sind Fotos beigegeben, die Sequenzen abbilden, die dem Lyriker scheinbar zufällig an der Bushaltestelle in den Blick geraten sind. Sie fügen sich wunderbar ein in die Betrachtungen, in denen ein junger, wohltemperierter Puls schlägt, ein in eine hinreißende Lyrik, die sich niemals aufdrängt. Sie ist wie ein Reh, dass sich vorsichtig durch ein Schneefeld bewegt.

Ehinger Tor Utopien / Abfahrtszeiten. Marco Kerler. Rodneys Underground Press 2021

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