Lob der Aphrodite. Marina Zwetajewa

Die Janusköpfigkeit der Liebe, ihre zerbrechlichen Feuer, ihre Passion hat die russische Dichterin Marina Zwetajewa in ihren Versen verwoben und zelebriert. Ein poetischer Sturm offenbart sich mit dieser Liebeslyrik, der die Grundüberzeugungen in Bezug auf das Gute zutiefst erschüttert: „Doch in der Brust steckt mir und frisst / Der Schmerz, der älter als die Liebe ist.“ Die Physiognomie dieser Liebe zwischen fallen und wachsen wird abgeschöpft aus Äther und Erde: „ Mit einer grundlosen Bewegung / Stand ich auf, uns umgaben enge Netze, / Und jemand sagte in scherzhaftem Ton: /„Sie kennen sich nicht, soviel ich weiß.“// Und wie sie die Hand in meine legten / Mit einer weit ausholenden Geste, / Und zärtlich in meiner Hand lag, ohne / Jede Eile, ein Splitter aus Eis. // “

Und immer wieder schimmert die Resignation unter dem Morgenrot der Verse, mit denen das lyrische Ich in stillen Nebel trabt, in eine am Ende bitter werdende Melodie, die die Leidenschaft hart bettet. Eine Melodie, die zur tragischen Vision wird, die sich jedoch mehr und mehr als unabwendbare Lust zu erkennen gibt. Fernab des Masochismus ist dies nur scheinbar ein Paradox: „In mir – alle Zwangslager-Leidenschaften / Zur einen geballt! / So wie in meinem Haar, Krieg führend, haften / Alle Farben, ein ganzer Wald.//“ Dies auszugestalten ist das Meisterstück einer tief schauenden Liebenden und Leidenden. Die Liebe entlädt sich darin immer wieder im Leid. Der Mechanismus scheint hier systemimmanent, als ein Weltgesetz: „Schwarz wie eine Pupille, eine Pupille, die am / Licht saugt – lieb ich dich, scharfsichtige Nacht.“ Die Passionen sind gleichsam würgend als auch orgiastisch. Einziger Ausweg scheint die Sehnsucht zu sein, die in den Gedichten wie ein Wasserfall tobt, wild und preisgegeben: „Auf der Welt, in dem Dunkel, werden alle Nomaden: / Irren Bäume, über die nächtliche Erde ragend, / Gären Trauben, zu goldenem Wein sich wandelnd, / Ziehn von Haus zu Haus Sterne, die wandern, / Wie die Flüsse – zurück !- ihren Weg sich brachen / Will ich auf deine Brust – und nur schlafen.“

Und die Leidenschaften zerreiben die Körper: „ Du trägst, mein Sanfter, nichts als Lumpen, diesen / Einstmals für mich so zarten Leib. / Ich habe ihn abgetragen und zerschlissen – / Die beiden Flügel sind, was übrigbleibt. //“

Die himmlische Liebesglut zerschellt an den harten irdischen Gesetzen. Dieses Dilemma findet in dieser Liebeslyrik höchste Anwendung. Das Licht des Eros bricht und blutet aus. Geradezu göttlich findet sich dies in Zwetajewas Gedichten inszeniert, die ihresgleichen suchen. Dazu steht neben dem Leib die Seele immer wieder scheinbar fassungslos, wie in einer fremden Welt, die ihr nicht gemäß sein kann. Fast könnte man meinen, Zwetajewa erklärt den Körper in ihren Gedichten zum Feind der Seele, aber bei genauerer Betrachtung ist es das Spannungsverhältnis zwischen beiden, das sich feindlich gebärdet in dieser gleichsam zutiefst feinsinnigen als auch direkten Dichtung. Das eine kann dem anderen gar nicht gerecht werden. Und „Gott baut keine Brücken“.

Das macht die Dichterin zum Fluchttier. Sie flieht mit dem lyrischen Ich und flieht am Ende in den Tod, vielleicht auch, um sich der Körperlichkeit zu entledigen, um ganz „Meerschaum“ zu sein, „ein wilder“. Marina Zwetajewa, die 1892 geborene, bedeutendeste russische Dichterin neben Anna Achmatowa, erhängt sich am 31. August 1941 in Jelabuga.

Ralphi Dutli hat die Gedichte äußerst einfühlsam aus dem Russischen übertragen und dem Band ein herrlich zu nennendes Essay beigegeben.

Lob der Aphrodite. Gedichte von Liebe und Leidenschaft. Marina Zwetajewa. Wallstein Verlag 2021

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