Am Ende der Stadt. Adina Heidenreich

„Es stieg eine Stimme aus der / Erde hervor, und ich hörte sie / und nahm sie an und machte sie / zu meiner. //“ Und diese Stimme träufelt aus einem schlanken Flakon einen wunderbaren weichen Duft, der sich an die Leser und Leserinnen heftet. Er ist jung, unreif, aber dennoch intensiv. Adina Heidenreich schreibt mit ihren Gedichten zarte Gesetze in die mehr und mehr ausfasernde Welt: „Am Morgen sehe ich deine Hände / und deinen Gang an mir. Seit / du verstummt bist, trage ich deine Zunge.// Ich fühle nun auch dein Leiden / unter der Haut. Es stört mich nicht, / denn wir sind jetzt Komplizen.//“

Die Poesie dieser Lyrikerin ist wie ein leiser Atem über einem tiefblauen See. Aber die Verse ventilieren auch Erwachen, zirkulieren zwischen Erregung und Ankunft: „Im Schnee vergraben wir Erinnerungen; / wenn es taut, werden sie zurückkehren.//“

Das lyrische Ich, immer wieder rettet es sich mit dem Du aus den Schattenrissen ins Licht oder treibt mit ihm in jene. Alles scheint zu schweben, in diesem Kreislauf: „Du wolltest mich nur einmal / in die beängstigend stillen / Nächte schicken, / (…) Ich war da. Habe es gesehen./ Habe es gefühlt, gehört. / Komm wieder und lass / den Lärm einkehren, die / unsinnigen Geräusche, / die ich brauche.“

Verspielt und verwundbar zugleich sind die Texte, die wissen, das niemand zu triumphieren braucht, von den jungen Trieben des Hoffens einmal abgesehen: „ In die Lücke zwischen den Teilchen / bin ich geraten, völlig entfremdet / von der sichtbaren Welt, / um einen geheimen Ort zu finden, / einen privaten Moment. / Nicht die Art von Privatsphäre, / die dir das Setzen eines Häkchens beschert. //“

Adina Heidenreich tanzt mit den Wörtern, ihrer mächtigen, geheimnisvollen Welt. Sie versteht ihr Raunen in dunklen und hellen Zimmern, in denen Gedichte geboren werden, und sie hört das filigrane Weinen und Lachen der Phantasie und ihrer waghalsigen Annahmen. Es gibt kein Netz und keinen doppelten Boden. Alles lebt aus dem freien Fall. Und mit ihm das lyrische Ich: „ Ich werde die Wände mit Worten tapezieren / und von morgens bis abends lesen // Manches kluge Wort scheint hell wie Licht / in der Nacht und erleuchtet mich. / Ein anderes erzürnt mich, rüttelt mich wach, / lässt mich rebellieren, /.

In dem feinen, leichten Rhythmus der Sprache dieser blutjungen Lyrikerin hängen Kristalle zarter Melodien einer unaufdringlichen Poesie, die nicht überhört werden sollte.

Am Ende der Stadt. Adina Heidenreich. Mitteldeutscher Verlag 2020

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