Haltlose Zustände. Lutz Steinbrück

Die metallischen Schnittmengen der Wahrnehmungen innerhalb einer diffusen, vielschichtigen Welt macht Lutz Steinbrück in seinen Gedichten und Textcollagen zum Nabel der poetischen Betrachtungen. Dabei entsteht ein neuer, mit vielerlei Sinnen erfahrbarer Horizont, der unser viel zu hektisches, volltechnisiertes Leben auf den Kopf stellt, das seine eigentlichen glückhaften Keime vergessen zu haben scheint: „Du traumhaftes Mikrofaserland / wo die Beatmung der Reisebusse stagniert / wird der mit dem längsten Steuerknüppel / Klassensprecher dieser Autobahn //“. Alles ist hochexplosiv und überrascht mit glänzenden Wortspielen, die geradezu leidenschaftlich daherkommen. So en passant geht dabei auch der Fingerzeig auf herrschende Machtverhältnisse, denn die Texte sind vielfach politisch und sozialkritisch: „(Singsang): Ich geh´ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir, dort oben leuchten Konzerne hier unten leuchten wir – wes Brot‘ ich ess‘, des Lied ich sing‘, Rabimmel Rabammel Rabumm Bumm Bumm“.

Phänomenal sind die von dem Lyriker fein verwobenen, extrovertierten Wortnetze, die an die Gemälde von Emil Schumacher erinnern: „mit maßgeschneiderten Antennenhost / ein Heileweltempfänger genießt seine Idylle / umtönt von lautstarken Behauptungen // umkreisen panische Fliegen süßliche Fallen aus Glas / an ungeraden Tagen zieht Alkohol den Ausblick ins Lot / den gezuckerten Schlaf überkommt ein Entsetzen“.

Sequenzen aus Stadt und Provinz werden im Gleitflug ins Visier genommen, reißen aber an den politischen Zusammenhängen. An den lyrischen Leinen von Steinbrück wehen Missstände. Aufgehängt hat er sie allerdings an einem klaren Sommertag. Die Diskrepanz ist spannend und erinnert uns daran, dass wir uns schon an viel zu vieles gewöhnt haben: „die Haltwertzeit künftiger Warteschlangen / gefühlt gegen unendlich // Panikschatten voraus aus dem Newsdesk / es ist Mayday unser Dorf an Bord // täglich grüßen wir uns leiser / ohnmächtige Gewohnheitstiere//.“

Die bitteren Früchte werden von dem lyrischen Ich zwar geerntet, aber nicht gegessen. Auch dem Leser wird dies anempfohlen, denn die Zustände sind, wie der Titel schon sagt, haltlos. Die feurigen Mentalitäten der einzelnen Wörter bestimmen dazu den klaren, fein verästelten und rettenden Rhythmus. Sie bieten Schutzraum innerhalb einer schweflig pulsierenden Welt, die an einem seidenen Faden hängt, ohne es zu merken: „ eine Horde / schwer erziehbarer Hormone // meine psychotoxischen Papiere / übersät mit Panikpunkten //“.

Steinbrück ist ein überaus wacher, feinsinniger Lyriker, der den alltäglichen Moment dechiffriert und dabei auf eine Goldmine stößt. Aber es ist eben nicht alles Gold, was glänzt. Dennoch überlässt er weder sich noch uns der Melancholie. Das macht die Gedichte souverän, auch wenn sie maßlos erscheinen. Zweifelsohne ist ihr dichter Charakter ansprechend, jedoch eben auch anspruchsvoll und fordert die ganze Aufmerksamkeit. Aber in magischer Weise hält uns Steinbrück bei der Stange, bis wir satt sind von seiner kräftigen, herzhaften Kost, satt sind von den Visionen dieses hochtalentierten Wortakrobaten.

Haltlose Zustände. Lutz Steinbrück. Klak Verlag. Berlin 2020

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Lyrikatelier Fischerhaus

Poesie, Malerei und Zeichnung. Eigene Gedichte, Bilder, Rezensionen - Lyrik only

morehotlist

Magazin der unabhängigen Bücher & Buchmenschen

leseschatz

Erlesenes von Hauke Harder

Pega Mund : driftout

poems notes marks occur blur crave. durch die tage : status und gedicht.

Windstriche

Steglich WordPress.com weblog

muetzenfalterin

die Welt unter meinem Hut

parasitenpresse

Verlag für neue Literatur

Nacht und Tag

Literaturblog

LiteraturReich

Ein Literaturblog

quarantänelyrik

»ihr lest keine lyrik, seid ihr wahnsinnig?«

Das poetische Zimmer

ein Raum voller Lyrik, Gedichte, Poesie

%d Bloggern gefällt das: