du Wundergecko. Astrid Nischkauer

Die beim Gang durch Museen und Galerien geernteten Visionen, die an Bildern und Exponaten haften, die sie gleichsam verströmen, sind die eindrucksvollen Essenzen dieser Gedichte. Die Symbiose zwischen Bild und Betrachter feiert dabei kristalline Feste, bei denen die alten Kunstwerke lebensprall in die Gegenwart drängen: „ein leichtes Kräuseln der Stirn / während das Wasser den Atem anhält / mit der einen Hand stützt er sich auf / weg vom eigenen Spiegelbild / die andere lässt er herabhängen / “ ( über Caravaggios Narziss). Astrid Nischkauer gibt diesen Werken der Bildenden Kunst ein poetisches Echo, das sich sehen lassen kann, von Farben und Formen ist es berauscht. Die Gedichte sind gläserne Tropfen, die über die Sinne des Lesers perlen. Sie sind unterwegs auf der Seidenstraße der Phantasie, die vom Künstler zum Betrachter führt: „durchnässte Besucher doch / in all dem Nass werde ich / fündig und finde eine halbe / Seekokosnuss einer Meerespalme“ oder „ ein festlicher Federhelm aus Papier / sehe mir ihre anderen Werke an und / frage mich ob ich nicht vielleicht einen / Kopfstand machen sollte um aus dem Helm / eine sich öffnende Blüte werden zu lassen“. Tadellose Gewissheiten sind in diese Lyrik getupft, fein, mit einem roten Samttuch, dessen Muster die Zeichen scheuer Meere trägt: „französische Wortfetzen der feinsäuberlich / gestickten Schreibschrift kann ich entziffern / denn der Stoff löst sich auf ist verschlissen hat / Flecken und Löcher welche die Worte verschlingen“.

Die Sprache ist klar und ehrlich, wenn Astrid Nischkauer Farbschübe, die aus den Bildern überfließen, auffängt und in imponierender Weise in ihren Versen filtert. Bei aller Einfühlsamkeit haben diese Verse auch etwas Stoisches, das uns von der Richtigkeit der Dinge überzeugt: „es ist ein Miteinander und Nebeneinander von Farben / zwischen Schilf und Himmel Welle und Wasser Farbe / und Farbe scheint der Untergrund hervor der mit seiner / Helle und Grobkörnigkeit Geborgenheit vermittelt hier / wird nichts übermalt jede Farbe hat ihren Raum und / Freiraum und es wird nichts verborgen das Bild lässt / uns bis an seinen Grund sehen zeigt sich uns voll Vertrauen / ohne etwas vortäuschen oder jemanden täuschen zu wollen / “ (über Max Pechsteins Segelboote am Schilfstrand).

All dies nährt Begehren, das sich auf die, in erstaunliche Nähe gerückten, Bilder und Exponate richtet. Dies in dem Wissen, dass sie ohne uns nur schwer auskommen. Auch die „ägyptischen Mumien“ fragen sich, weshalb keine Besucher mehr da sind in den Museen, aber sie „haben einen Verdacht“. Eindrucksvoll hält die Lyrikerin hier auch die Atmosphäre des Lockdown fest, als eine Tristesse, die sich aus dem Verbergen der Kunst ergibt. Diese Tristesse treibt durch graue, taube Glut, nicht nur in den Galerien und Museen: „die Stadt wird / zum Bild auf dem / sich nichts bewegt / keine Flugzeuge / sind zu sehen und / selbst der Zug steht still /. Das Vorenthalten der Kunst jedoch wird zur Qual. Einzig die Erinnerung mutiert zu ihrem Klangkörper, aber die ist unzuverlässig. Nichtsdestotrotz, da, wo betrachtet werden kann, tauchen die Texte wie junge Fische in die Seele der Gemälde, die dadurch zu leben beginnen. Sie wachsen über ihre Rahmen, die sie begrenzen, hinaus. Ganz virtuos ist das gemacht, in einer Glaubwürdigkeit, die überrascht.

Nachdem man die Gedichte von Astrid Nischkauer gelesen hat, wird man wacher und sensitiver durch die Galerien und Museen gehen. Diese Lyrik ist hochwirksam.

du Wundergecko. Astrid Nischkauer. parasitenpresse. Köln. Leipzig. Wien 2021

2 Kommentare zu „du Wundergecko. Astrid Nischkauer

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