Wenn ich Dich wie ein Buch lese. Rajvinder Singh

Die Gedichte von Rajvinder Singh sind wie träumende Spuren in frisch gefallenem Schnee. Sie sind geduldig und weise und ruhen im Herzen der Stille: „Lebend auf halbem Weg / wie ein Grabmal // zurückgezogen irgendwo / in Hochstimmung // zwischen „war“ und „werde“ / bin-ich, bin-auch-nicht, parallel // gewesen und erwartet zugleich“. Daneben stehen Prosagedichte wie reife Früchte, die die „Natur-Kultur Dualität“ etwa zum Thema haben. Das lyrische Ich überantwortet sich darin der Natur, als jenem sicheren Ort, der Heimat ist vielleicht für alle „Heimaten“ – der Lyriker vermisst ein solches Wort. Wohl nicht von ungefähr. Der deutschsprachige Dichter ist indischer Herkunft. Er schreibt seine Texte in Deutsch, Englisch, Hindi, Urdu und seiner Muttersprache Punjabi. Deutsch nennt er seine „Stiefmutter-Sprache“.

Gar nicht stiefmütterlich schleichen die Verse durch stille Gärten, fernab des Tumults, und bewegen sich anmutig durch das tränennasse Gesicht unserer Zeit. Versagen und Schönheit, alles bewegt sich in einem wachsenden Licht. Das ist trefflich inszeniert: „Sie war ein schöner Vogel / nistete ein in meinen Augen // “.

Das Schreiten, das Wandeln, die Wörter scheinen in dessen gleichmäßigen, erdverbundenen Rhythmus geboren, auch wenn ihr Blut transzendent ist. Denn Rajvinder Singh schreibt zudem mit den Federn des Unsichtbaren wie in dem Gedicht „Kinderflüchtlinge“: „Meine Hand will sie hüten / mit Fingerspitzen berühren / diese blätterlosen Blüten / diese wändelosen Türen“. Für mich offenbart sich darin wirkliche Dichtkunst. Seine Worte sind Fackeln im stillen Ausatmen unberührter Teiche: „seitwärts saugt schweigsam der Wald den Staub / einer Zivilisation, die sich gen Himmel betreibt“.

In Ergänzung dazu finden sich die geheimnisvollen, pittoresken, wunderbaren schwarz-weiß Fotografien von Björn Albert, die die Gedichte weiterdenken. Nicht nur in den Gedichten, sondern auch in diesen Bildern kann man versinken, wenn man sich auf die warme Reise durch dieses Buch begibt, den Stationen des Dichters folgt, an dessen Ausgang auch immer wieder Begegnungen stehen. Die Gründe unseres Daseins aber scheinen in unserem Fernsein zu liegen, der Gedanke erwächst den zarten Gliedern dieser Texte: „Der scheinbar stille Baum hält inne / streichelt den Schmerz, besänftigt ihn / als er über Wurzeln, Stamm und Geäst steigt // Zum Zeugen der Blätter, zart und schmerzfrei / sie spielen mühelos im Wind, bäumeln / senden zärtliche Botschaften in die Weite“.

Einige der Gedichte sind demgegenüber pointierter und leichtfüßiger und überraschen in ihrer Einfachheit, die den Sinn von der Sinnlosigkeit trennt: „Dichtung heißt: Lebensmomente / in Worte verwandeln um das Eigene / für andere mitteilbar zu machen“.

„Die wahren Lyriker haben nicht den marktschreierischen Ton, sondern sind Befürworter der leisen Lyrik“, sagt Rajvinder Singh in dem selbstverfassten spannenden Nachwort. Er ist ein wahrer Lyriker. Das steht ganz außer Frage.

Wenn ich Dich wie ein Buch lese. Rajvinder Singh. Gedichte. KLAK Verlag, Berlin 2021

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