Proviant von einer unbewohnten Insel. Eva Christina Zeller

Das lyrische Ich ist unterwegs in den Gedichten von Eva Christina Zeller, unterwegs etwa auf einer winzigen Schäre im äländischen Archipel, in Schweden, Irland, Venedig, Genf, um nur einige Orte zu nennen. Dies Unterwegssein fordert vor allem die Natur heraus, die sich daraufhin öffnet wie Springkraut, das man leicht berührt. Das macht alles äußerst beweglich. Nichts ist starr in diesen Texten, alles drängt, alles treibt, alles fließt und sucht seinen Raum, den die Insignien der Schönheit bewässern. Dies ist auch einem stillen Flehen geschuldet, das sich an diese Natur richtet, in die schonungslos gefühlt wird: „Du musst von stein zu stein hüpfen / auf dieser eiszeitinsel / weil zwischen den steinen / schlangen schlafen / du musst den wind ertragen auch nachts / wenn er an den türen rüttelt – / hinter jeder Tür sitzt jemand auf dem donnerbalken – du musst steintürme bauen / darunter ist jemand begraben / du musst den geistern brot hinlegen / und es heimlich selber essen / weil du auch die sorgen nährst / “. Dies Spiel mit den Zwischenwelten ist besonders anregend. Hier und da begleitet es diese Poesie, schön wie durch den Wind wirbelnde Magnolienblätter.

Die Natur scheint sich zu paaren mit den Augen, die sie beobachten. Daraus werden Früchte geboren, die die Lyrikerin in raue Schalen legt, die auf das offene Meer treiben, hin zum Leser und der Leserin: „im geröllfeld gehören die steine sich selbst / nimm keinen auf // die flechten denunzieren dich / heidekraut ist weich und biegsam //“.

Die Äste der Lyrik von Eva Christina Zeller blühen wie Kirschzweige, die man im Winter gebrochen hat und in ein warmes Zimmer stellt. Sie ist herb und schillernd zugleich. So sehr auch der Blick dabei auf die Landschaft gerichtet ist, die Wörter scheinen in Tagtraumerde gewachsen. Das weicht etwa den harten vernünftigen Stein auf zur Ausgelassenheit: „bilder auf steinhaut / pocken, korallen, trilobiten / aus silur und gotlandium // stein auch unter dem meer / stein unter der dünnen krume, dem moos / steine tragen tiere auf ihrer haut //“. Die Netzhaut der Gedichte verläuft in Querlage zu den darin beschriebenen Landschaften, das öffnet ganz neue Bereiche für ihre Wahrnehmung. Eine Meisterleistung dieser Lyrikerin. Da wird das pure Plätschern des Wassers zur Sinfonie, ohrenbetäubend schön. Die Wörter balancieren auf seinen Wellen. Ein feiner Film von Visionen entsteht über diesem Wasser, dessen Geheimnis über die Hände des Lesers rinnt. Das macht den Genuss dieser Gedichte zu einem beeindruckenden, sinnlichen Erlebnis: „wie heißt dieses plätschern / so leckend und einschläfernd? / und dann wieder drängend / nachdem diese fähre vorbeifuhr / jetzt sind die wellen wütend /“. Dabei erscheinen die Schritte gerade durch die Natur jungfräulich. Als sähe man alles ein erstes Mal, als sähe man alles immer wieder ein erstes Mal. Das baut eine fesselnde Spannung auf, der man sich nur ergeben kann.

Die Gedichte sind wie sonnendurchfluteter Meerschaum, prickelnd und beharrlich, und sie sind ehrlich gewachsen in den Faltenwürfen verschiedener Ebenen. Das macht sie so wirklich, denn niemals gibt es nur eine Ebene der Betrachtung.

Proviant von einer unbewohnten Insel. Eva Christina Zeller. Klöpfer, Narr, Tübingen 2020

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