die sich vereinende deckung. Yu-Sheng Tsou. Gedichte

Verschwundene Schrift, auf Punkt und Strich reduziert, teilt sich mit den brillanten und präzisen Versen dieses außergewöhnlichen Lyrikers das Papier. Gedanken, die sich nicht zu erkennen geben, Wasserzeichen des Geistes, die wir nicht dechiffrieren können, die der Lyriker selbst nicht dechiffrieren kann. Oder will? Eine Zumutung, meint man im ersten Augenblick, bis man die Schönheit des Unsagbaren erkennt. Es gibt noch Raum hinter dem Raum, Phantasie hinter der Phantasie. Das stimmt hoffnungsfroh und ein auf den Text: „Nachdem sich der Nebel gelichtet hat, / berührt Transparenz die Wangen, / die schwer wie eine Hand ist. / 5°C. All meine Geäußerten, als wären sie Verwandte, / halten meine beiden Hände. In diesem Foto habe / ich keine Worte. //“

Diese Lyrik, sie schlüpft in die Spalten und in die Ritzen der Welt, dehnt und weitet sie, gibt Antworten, noch ehe die Fragen auftauchen. Die Physiognomie des Moments samt seiner Falltüren ist gerne und immer wieder dabei Thema und voll anmutiger Präsenz. Dazu führt uns dieser aus Taiwan stammende Lyriker in geheimnisvolle Labyrinthe, obwohl alles klar auf der Hand zu liegen scheint. Die Zwischenreiche unserer Wahrnehmung, eindrucksvoll bilden sie dazu die Essenz. Die Themen werden an den Alltag gebunden, dem Alltag in der Universität, in der Bahn etwa: „Schnee liegt draußen. Am weißen Großtisch schließen wir das Buch / und bemerken an den Fingerspitzen einen / dauerhaften Druck vergangener Dinge. / Wir verabschieden uns vom Dozenten. Er steht bei den Wörtern, / die er selbst schrieb. Gleich einer Figur in einer Nische / wartet er darauf, unsere Spur / in diesem Zimmer abzuwischen.“

Oftmals prallt in der hochbegabten Anschauung beispielsweise die Mathematik gegen die Phantasie. So wird die Schwerkraft aus den Versen genommen. Ein faszinierender Akt, der an eine Mondlandung erinnert: „zwischen den Ästen setzt eine einfache Arithmetik / ihre einfachen Faktoren ein : / Stummdonner, Achse, Spaltungen, der Dinge.“

Yu-Sheng Tsou löst die Grenzen auf zwischen den materiellen Dingen, seinen unsichtbaren Bewegungen und dem Geist, dem Erinnern, dem Erwarten. Dies Auflösen der Grenzen scheint überfällig. Das verblüfft und erinnert einmal mehr daran, das wirkliches Schauen eben Dichtersache ist. So führt Yu-Sheng Tsou den Blick durch ein Geäst, an dessen Zweigen exotische Knospen wachsen, deren Schönheit im Ungewohnten liegt. Man macht es sich zu eigen dieses Ungewohnte, für den Moment des Lesens, stellt es vor sich auf, prüft seinen Klang, wundert sich und verändert die eigene Sicht auf das Gewohnte. Und dies fast gewohnheitsgemäß, je länger man sich diesen Texten anvertraut. Sie sind eben voller Sogkraft. Immer wieder durchfährt in diesem Zuge auch ein Glücksgefühl beim Lesen der emsigen Verschachtelungen und ihrer melodischen Mechanik: „Das strahlende Salz am Strand, / das ich die abgesonderten Wahrnehmungen nenne.//“

Obendrein wird selbst das Metaphysische greifbar, denn dieses lyrische Debüt berührt es beherzt, macht es dingfest in seiner ganz eigenen Weise. Angenehm und erleichternd ist das, auf dieser breiten Straße am Rande der übermächtigen Illusion mit Yu-Sheng Tsou über weiße, wissende „Kieselsteine“ zu laufen: „Eine Tüte Chips wird geöffnet. Niemand / weiß, wie das Amrita aussieht. Bloß nach Belieben wird / gegessen und getrunken. / So wie die Götter nachmittags in die Ansammlung goldener Punkte / gehen. So wie die Menschen / zwischen den Regalen schlendern, das Essbare überschauen.“ oder „Das sich Aufrollende. Ich habe die Wand des Paradieses / berührt: Die verlorenen Dinge, als wären sie noch in der Hand, / als wären sie die Ausdehnung der Hand, in die Richtung, / nach der die Farben der Still-Leben stimmlos fließen.“

Dieser Lyriker häutet unsere Annahmen und dies in hinreißender Weise. Wer diese Texte liest, kann sich auf etwas gefasst machen.

die sich vereinende deckung. Gedichte. Yu-Sheng Tsou. Elif Verlag 2021

5 Kommentare zu „die sich vereinende deckung. Yu-Sheng Tsou. Gedichte

  1. oh wie schön, dass die sich vereinende deckung hier vorgestellt wird! danke!

    es ist ein ausserordentlich spannendes und vielschichtiges buch, und immer wieder darin zu lesen, bewegt meine gedanken, kräftigt meine eigene sprache.

    ja, ich bin sehr froh, dass yu-sheng diesen band bei ELIF gemacht hat!

    liebe grüße,
    pega

    Gefällt 2 Personen

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