Plötzlich alles da. Dorothea Grünzweig

In die Gedichte von Dorothea Grünzweig hat die vornehmlich finnische Natur, haben die Tiere, ein pulsierendes Relief gelegt, das Wut birgt, Trauer, Lächeln, Sehnen, Erinnern. Es entstammt den weit geöffneten Augen eines Sees, dessen Ufer blutrot sind und anthrazit. Alles ist durchströmt von einer vitalen Melancholie, die unter die Haut geht: „wie wenn der tod nicht sei so sind die samischen sommermonde / nachtfreies hochschleuderndes licht das schweben macht / “.

Die Texte sind ein klares Bekenntnis zur Natur als wild blühender Schatz neben der menschlichen Hybris, ein Gelübde der Verbundenheit als Formel für das eigentliche Glück. Diese Lyrik weckt das Glitzern in den Steinen, die in klaren Bächen liegen. Dem Tod, als neuralgischen Punkt zum Trotz, ihn teilen sich Mensch und Tier. Bis er Beute Macht, scheint er leise zu philosophieren. Viele Gedichte atmen das Blut dieses Todes, dieser Philosophie, und verteilen es über den Wäldern und Ebenen. Schmerz bleibt beim Lesen, der sich in den Grimassen der Endlichkeit auflöst, etwa im Pflegeheim bei der kranken Mutter des lyrischen Ichs. Der unaufhaltsame Verfall an der Reißleine der Unwägbarkeiten, er ist glänzend von dieser hochkarätigen Lyrikerin inszeniert: „beim letzten mal war sie ein biberle brachte kaum / wörter zustande stotterte gackste wir sprachen mit reim / ich gewitter sie was bitter ich spazieren sie was frieren / ruhe truhe wir kämpften uns durchs dickicht des telefonats //“. Die drängende Harmonie, sie ist offensiv, auch in dem Rhythmus der Gedichte, in die zudem finnische und süddeutsche Begriffe gestreut sind. Wohl nicht von ungefähr, lebt die in Baden-Württemberg geborene Dichterin doch in ihre Wahlheimat Finnland.

Nicht nur die Sorge um die Mutter, sondern auch die um die Tiere, schwillt an in den Texten. Jene um die Tiere entlädt sich auch in Wut, in Verachtung etwa gegenüber dem Jäger, „der gern bekennt er sei dazu gourmet liebe / leckeres wildbret und über den geschmack von kitzen / deren lebensweg sich eben anbahne gehe ihm nichts //“. Jene um die Mutter geht demgegenüber auf „schneetuchfühlung mit der ewigkeit“.

Der feine Hauch der Transzendenz liegt über den Gedichten, die nach Seide und Erde riechen. Und immer wieder lassen sich Mahnungen herauslesen. Sie sind rigoros und absolut, mit überströmenden Bildern von der Vergewaltigung der Natur, die haften bleiben im Gewissen.

Die Schönheit der von den Kugeln des verwundeten Jägers durchlöcherten Bärin, ihr silbergrauer, sterbender Zuspruch, ihre Visionen von „Duftbilder(n)“ von „honigwaben“ und „einem offenen Elch“, ihr stummes Nicken, das eigentlich nach symbiotischer Zuwendung verlangt, kann scheinbar nur noch durch die „pietà der poesie“ Antwort erfahren, pietà, dem Passionsmotiv der Kunst: „ da hilft es nur hilflos worte zu finden die sich den leidenden widmen / den einsamen verachteten verwundeten gequälten worte die / sich hinter sie setzen die sie umfassen an ihre Brust ziehen / “.

Das Sterben, diese Dichtung macht es sehr sichtbar. Es gewinnt Form in ihrer Natur, ist Natur. Sein Schweigen rinnt wie Morgentau über Grashalme, die dem Himmel zuwachsen.

Dorothea Grünzweigs Gedichte gleiten tief in die Seele, führen uns an Urbilder. Da hat man es eben mit echter Poesie zu tun, die mit dem milden Butterblumenwind durch den Tag getragen wird, so sehr sie auch erträgt, diese Pietà.

Plötzlich alles da. Dorothea Grünzweig. Wallstein Verlag. Göttingen 2020

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