langsames ermatten im labyrinth. Carl-Christian Elze

Die Gedichte dieses Lyrikbandes berühren das Phantom Venedig, die Vibration der Sinne auf die Schmutz, Glanz und Kunst prasseln und sich zu einer venezianischen Schwingung fügen. Die Mitesser der Stadt erfahren darin gleichrangig Erwähnung mit dem Schönen in diesem hinreißenden Kosmos der Wahrnehmungen. Ein ästhetisches Spiel mit dem Hässlichen ist so entstanden, das in zauberhafter Weise tief berührt: „am nächsten morgen: ein häufchen federn, knochenschimmer / und wieder sonnenspeere, die im boden stecken, kinderschreie / gepresst aus möwenköpfen .. als gäb es folterkammern / die im himmel stehn, in einem becken // von unverschämtem blau.“ Das trägt einen Naturalismus in diese feine Poesie, der ihr markante Konturen verleiht und sie ungeheuer sinnlich macht, desillusioniert wo die Illusion von Venedig ihre opulenten Feste feiert. Sie wird prekär dadurch, diese Illusion, und das ist sehr spannend. Der Postkartenkitsch, der durch die Hirne flammt, wird in einem reißenden Strom versengt, so dass man sich bald fragt, ob es ihn je gegeben hat: „von einem moment zum nächsten: eine tausendköpfige herde / von wasserpferden, die über die brüstung springt und losgaloppiert / über die berühmte terrasse, mit laut aufblitzendem / getrappel, silbern zerplatzenden hufen. / alle kirchtürme, alle vaporetti, alle palazzi verschwimmen / hinter grau wehenden mähnen elektrisch / zuckender gäule. /“. Es bleibt ein nachhaltiges Echo, das über die Wellen der Gedichte dieses vorzüglichen Lyrikers getragen wird, der wie ein Seidenspinner einen Kokon legt um Venedig und aus ihm heraus die Leser und Leserinnen speist. Darin sind etwa die „paläste“ zu Nuancen gesponnen, die sich in „verrottenden tauben“ verjüngen. Das sorgt für einen phantastischen Leseeindruck, der auch in die davon überwältigten Zellen des Körpers einzudringen trachtet: „du trinkst und schaust in dich hinein / und siehst deine organe / in einem canal grande aus blut stehen / verrottende herrlichkeiten /“.

Nicht minder beachtlich sind die Spaziergänge durch die Gemälde von Jacopo Tintoretto in der Scuola Grande di San Rocco. Ihnen hat Carl-Christian Elze in dem Band einen eigenen Zyklus gewidmet. In dem Bild „Auferweckung des Lazarus“ kriechen die Blicke des Lyrikers über den Körper der Figur wie ein Salamander, über den Körper in dem Werk und über den imaginierten, tatsächlichen Körper. Der Lazarus wird auf diese Weise in diesem Gedicht doppelt erweckt, einmal aus der biblischen Geschichte heraus und ein zweites mal aus dem Bild heraus, das sich durch das Gedicht langsam in die Vorstellungswelt des Lesers und der Leserin bewegt. Es fließt, lebt, phantasiert, atmet, riecht. Enorm dicht rückt dieser Lazarus, sanguin geradezu und tagtraumintensiv. Das ist eine virtuose Leistung dieses Lyrikers. Allzumenschliches wird aus den biblischen Motiven in spannender Weise extrahiert, ohne in das abgestandene Wasser der Blasphemie einzutauchen. Die Vorgehensweise läuft in ihren höchsten Rang mit dem Gedicht zu Tintorettos „Kreuzigung“: „die jungfrau die am boden liegt: jetzt still / und auch die folterknechte foltern still / stemmen die kreuze auf graben die / kreuze ein: jetzt still. und auch die / meute die noch immer schreit hilf / dir doch selbst: jetzt still. ein / stummfilm der am boden tobt /“.

Venedigs Inschriften schwimmen im kostbaren Wasser dieser Gedichte, das ihre Aggregatzustände ändert, das macht das Leseerlebnis zu einem poetischen Abenteuer, das man sich nicht entgehen lassen sollte, ob man die Lagunenstadt nun schon bereist hat oder sie sich nur in den Netzen der Phantasie bewegt: „auf der piazza klebt stille: tauben liegen am boden / oder menschen, ein einziges grau, nur ein palast lächelt noch//“.

Obendrein sind dem Band herrliche Illustrationen von Lilli Gärtner beigegeben, die ein farbenfrohes Intermezzo bieten zwischen den Kapiteln der Gedichte, sie grundieren. Der Hund mit den Luftballons oder das Kachel Ornament mit den beiden Bären sind wundervoll. Ein anderes erinnert an ein Mandala, das die Sinne weit auseinandersprengt, bis sie sich wieder zuspitzen in der Aufmerksamkeit für die Texte und ihrer außerordentlichen poetischen Triebkraft.

Die Gedichte wurden in dem zweisprachigen Band von Daniele Vecchiato ins Italienische übersetzt.

langsames ermatten im labyrinth. Carl-Christian Elze. Edition Panopticon. Verlagshaus Berlin 2019

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