Der Brief des Nachtportiers. Marcus Hammerschmitt

Die Gedichte von Marcus Hammerschmitt, die dieser Lyrikband zusammenfasst, sind spektakuläre Notate, die die Ziffern aus den poetischen Achsen lesen. Zum Vorschein treten die Quadrate des Daseins, die des lyrischen Ichs etwa oder des Nachtportiers, der – wir wähnen ihn an der Rezeption eines Hotels – mit uns zu kommunizieren scheint: „Es ist Nacht, mein Freund, / die all die Wagen schimmern macht / vor meiner Tür. / Das Licht ist bloß verschwendet. /“. Diese Quadrate sind auf weichem Stein gewachsen, der schrill und ergiebig ist, seine Metaphern sind ein reines Faszinosum. Die Dünnhäutigkeit der Vision wird dabei immer wieder herausgefordert: „Abends traten / alte Männer / zigarrenkauend / aus der Wand.“

Zweifelsohne sind viele der Gedichte kryptisch zu nennen, weil sie mit den Vorzeichen der intimen Logik zwischen Dichter und Leser spielen. Aber in sinnlicher Weise demonstriert uns dieser Lyriker, dass das Kryptische eigentlich eine Möglichkeit bietet, die Phantasie des Dichters zu entkernen. Daraus erwächst eine impulsive, losgelöste Sprachmagie, die erstaunlich ist in diesem lyrischen Debüt: „Summen im Mai die Kastanien / so bienengewiss wie zur Ankunft / des elektrischen Lichts, / lass dich erstens frei. Zweitens: Schön ist ein Weg um den Fluss. / Wo Wasser an Land kommt, die Luft / begrünt wird als Service / und Halme spannen deine Finger / von Knöchel zu Knöchel wie Sehnen. / Als drittes triffst du auf Freunde, / ihr sprecht euch unterm Mars, / der hell ist bis in die Bienenstöcke / und das Gemurmel der Schläfer .“

Der Band gliedert sich in acht Gedichtzyklen, die sich über Reiseimpressionen, einen Spaziergang, einen Umzug, den „Tumulus mit Kulturwäldchen“, Scherenschnitte, „Sexy Science“ oder „Alpenglühen“ spreizen, um nur einiges zu nennen. Sie kratzen an der Oberfläche des wirklich Dinglichen und stoßen auf imprägnierte Gedankenlava. Dabei kommt es zu Aussagen, die sind einfach verteufelt gut wie „ Das Muskelzittern der Rache“. Die wortmächtigen Verse sind temperamentvoll und züngeln so akribisch an der Fleischbeschau der Kuriositäten, dass es eine helle Freude ist: „Ich wehre mich gar nicht gegen den Fleiß der Luft. / Meine Hände sind warme Katzen, und das gefällt dir. / Mein Kellerlied gefällt dir auch, gib´s zu. //“.

Alles scheint elektrisch aufgeladen. Nicht selten sprengen die Sprachbilder darüber hinaus den ihnen von der hermeneutischen Etikette vorgesehenen Rahmen und suchen das Weite wie weiße Hirsche auf der Flucht. Das macht die Texte so herrlich souverän. Das macht den Lyriker so souverän in seinem eigenen Ton, der geradeheraus ist, fast hartnäckig erscheint. Wohl deshalb ist die Sprache dieser Gedichte, die von markiger, inniger Prägung sind, so klar: „Ich gehe unter Blüten, / denn so ist es sicher. //“.

Ein erquickliches Leseerlebnis garantiert diese aparte Lyrik.

Der Brief des Nachtportiers. Marcus Hammerschmitt. Edition Monhardt 2019

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