Der sechste Wintermonat. Björg Björnsdóttir

In den Gedichten von Björg Björnsdóttir dieses bibliophilen Lyrikbandes verschmilzt das lyrische Ich oft und gern mit der es umgebenden Natur, ihrer weisen Weite und Unabdingbarkeit, sommers wie winters. Der Jahresverlauf gibt dem 12teiligen Zyklus Struktur, in dem es nach dem alten isländischen Kalender nur Sommer -und Wintermonate gibt. Deshalb tauchen auch in den Titeln der Texte die alten isländischen Monatsnamen auf, die einstimmen auf die grünen Berge und Ebenen, auf Eis und Wasserfälle der herben Landschaft.

Die Natur ihrerseits geht ein Bündnis ein mit dem Leiden des lyrischen Ichs, befeuert es zuweilen, bleibt aber Leidenschaft und Bewahrerin und bietet damit das Fundament zum Stirb und Werde: „Ein buntes Geflecht. / Beerenblau. // Schafsgeblöke. / Der Tag des Sterbens naht. // Das Laub bewegt sich sacht, / es möchte nicht fallen. // Ich sehne mich nach neuen Farben, einem neuen Blatt. //“

Poetische Lichter leuchten durch die klare, farb- und klangintensive Sprache, die aufhören lassen: „ Als ich nichts mehr sehe, / fallen die Sandkörner zwischen den Wimpern / die Wangen hinunter und bis auf den Grund. //“

Woher die Schmerzen der verletzten Seele rühren, bleibt indes im Verborgenen. Dies Geheimnis umwölkt den ganzen Zyklus, der sich an der eigenen Naturerfahrung des Lesers und der Leserin entgrenzt. Die Landschaften sind so eindringlich geschildert, dass sie überzufließen scheinen. Das macht diese Lyrik so reichhaltig: „Aber in der Abendsonne / fließen Schneekörner träge dahin. / Die Goldregenpfeifer sind schlafen gegangen, / die Küstenschwalben sind ruheloser, / die Gänse still. // Der Hund läuft den Kristallen nach.“

Ein unstillbares Verlangen nach Glück ist spürbar. Daneben aber steht das Abfinden, das im Spiegel der Natur in einen inneren Frieden wächst, auch wenn das Leiden groß ist. Ein kräftigender Strom geht deshalb von den Versen aus. Man muss sich mit dem Winter abfinden und auf den Sommer einlassen, dann fällt die Unzufriedenheit in einen demütigen Schatten. Er ist flüchtig aber präsent: „Halten wir kurz inne / in der ansteckenden Stille /“.

Dennoch wird kein Hehl daraus gemacht, dass das lyrische Ich der Natur auch ausgeliefert ist. Das Ausgeliefertsein aber erst bildet die Innenreiche ab. Ein wertvolles Indiz für deren Zusammengehörigkeit. Das beruhigt die Verzweiflung.

Die schönen, prallen Sprachbilder dieser Lyrikerin sind wie ein Schwarm Kraniche, der seinen Süden sucht. Vielleicht liegt jener Süden im allmählichen Sterben unserer Wirklichkeit und ihrer grobmaschigen Wahrnehmung, die unzureichend ist: „Die Grasnarbe brennt, / die Fäden reißen / in der Lohe. // Ein glühender Globus, / der schwarze Aschestaub / verschwindet im Hauch des Winds. // Und dennoch.“ Nur so bleibt Raum für Neues.

Die Gedichte wurden von dem Schriftsteller und Übersetzer Wolfgang Schiffer und dem Bildenden Künstler Jón Thor Gíslason aus dem Isländischen einfühlsam übertragen. Letzterer hat eigens für diesen Zyklus überdies herrliche Radierungen angefertigt, die den Leseeindruck weiten und behutsam ziselieren. Sie geben den Gedichten eine fünfte Himmelsrichtung.

Das Buch wurde von Hendrik Liersch (Corvinus Presse) in traditioneller Weise hergestellt, mit einer Linotypen-Setzmaschine gesetzt und nach offener japanischen Art gebunden. Es verdient einen besonderen Platz im Bücherregal, denn es ist kostbar in jeder Hinsicht.

Der sechste Wintermonat. Björg Björnsdóttir. Corvinus Presse 2021

8 Kommentare zu „Der sechste Wintermonat. Björg Björnsdóttir

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