Nichts, nur. Walle Sayer

Eine eindrucksvolle Werkschau liefert dieser Band, der sich aus 35 Jahren Schaffenszeit speist. Darin sind in fünfzehn Kapiteln Gedichte versammelt und Erzählminiaturen, die allerdings eine sehr große Nähe zum Prosagedicht haben, so dass man eigentlich von einem Lyrikband sprechen kann. Die Texte sind nicht chronologisch angeordnet. Gedichte des jungen Lyrikers stehen neben denen aus reiferen Tagen. Daraus ergeben sich interessante Spannungsbögen.

Allesamt sind die Gedichte filigrane Würfe, „Feineinstellungen“, die in ihrer Sorgfalt überraschen. Das Detail ist hierin Quellstoff, das Detail des Dorfes, jenes aus der Schulzeit, aus Heimatgefilden, in der Landschaft, an den Figuren, an den Dingen. All das, was das Alltägliche zum Mythos werden lässt. In einzigartiger Weise versteht es Walle Sayer dem Banalen Esprit zu verleihen, mit seiner kleinen, grazilen Sicht auf die Welt. „Nichts, nur“, wie der Titel schon sagt. Eigentlich ist es „Nichts“ von Bedeutung, worüber dieser Lyriker schreibt. Nur das sich darin eben ein schillernder Mikrokosmos offenbart, mit dem dieses große Sprachgenie die Bedeutungslosigkeit entzaubert: „Unser Hinaufschauen, / nach einer Ministrantenprobe, // zu diesem Putzschauspiel / der Mesmersfrau, die oben // auf einer wackligen Malerleiter / die Heiligenscheine abrieb, //“. Oder „Tafelflächen, viel zu schwarz / für jedes Schattenspiel, // Eselsohren lauschten / den geknickten Seiten / im Schönschreibheft, //“.

So verschieden dann auch die Texte aus den einzelnen Lebensabschnitten sind, alles scheint zu gleiten, zu fließen, zu mäandern in einen Guss. Das ist das Fabelhafte an Sayers Lyrikband, der auf diesem Wege romanhafte Züge annimmt, auch wenn man sich mit dieser Einschätzung ziemlich weit aus dem poetischen Fenster lehnt.

Die Essenzen liegen im goldenen Schnitt des Profanen: „Und jede Weltreise beginnt auf einem Dreirad, / eine staubige Hauptstraße hinunter, / an drei Misthäufen vorbei. //“ Der Filter der Kindheit, der immer wieder neu ansetzt, scheint zentral in vielen der phantastischen Gewinde dieser Gedichte. Sie atmet Erde, Boden und Halt, der weit in dieses Lyrikerleben hineinzureichen scheint.

Die feinen, weichen Textgewebe sind in sanfter Weise zur Perfektion trainiert, die immer wieder überwältigt. Manches liest man infolgedessen mehrmals, damit einem auch nicht die kleinste Nuance entgeht, die die Magie des beschriebenen Augenblicks wachsen lässt. Der Augenblick, er erscheint bei Walle Sayer in einer ganz neuen, entlegeneren Zeitrechnung. Sekunden werden darin zu entkleideten Stunden: „Nach Niederlagen / führen von jedem Rom aus / alle Wege nach Hintertupfingen. // Im Fernlicht, / hinter einer langgezogenen Kurve, / stehen Rehe, das Streusalz / von der Straße leckend.“

In ihrem bescheidenen, freundlichen Ton ist diese Lyrik stimulierend wie ein Solebad. Das scheinbar Ereignislose blüht in munteren Sprachbildern wie ein botanischer Garten, in dem keinerlei Unkraut wächst, alles ist gejätet von Meisterhand. Diese Lyrik infiziert in charmanter Weise.

Nichts, nur. Walle Sayer. Kröner Edition Klöpfer. Kröner 2021

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