Gedanken Kartograf. Gedichte und Zeichnungen. Claudia Kohlus

Die Gedichte von Claudia Kohlus sind Wasserspiele des Geistes. Sie berühren, unterhalten, berücken und überraschen. Im Azur ihrer Gewebe keimen die Stille und das Laute der Innenwelten des lyrischen Ichs gleichermaßen auf hohem phantasieinternen Niveau: „Vorsichtig taste ich mich durch die Dunkelheit / atme ein / im Schrei einer Eule //“. Diese Ausgewogenheit korrespondiert mit der harmonischen Sprachmelodie, die das edle Öl dieser freien Versen verteilt: „Ein paar Tölpel brüteten in meinem Kopf / Und die Fragen / Ob es Freundschaften in Massen gibt / Und Eremiten im Geiste“.

Die Zeit, die steif berührt und ihre Risse hinterlässt in den inneren Landschaften, ist poetisch durchdrungen mit Bildern, die an Gobelins auf gröberen Stoffen erinnern: „Ich sagte, es ist viel mehr / Als meine erloschene Vitalität / Es ist die Chronik einer Erschöpfung / Nach einem Wimpernschlag“. Das Atmosphärische ist dabei weise, auch wenn vieles tragisch erscheint, wie die gestiefelte Lebenserfahrung, die in die eigenen Schritte wächst. Das steckt an zum Innehalten wie das Gedicht, das mit „Puppe“ überschrieben ist: „Ein plumpes Gebilde / Undulierende Bewegungen / Markant sichtbar / Hinter einer Art Haut / Die nachgibt / Ganz sacht // Beine sind es / Fühler / Die sich tastend im Halbdunkel orientieren / Fast luftig in Gedanken / Eine nie versiegende Quelle / : Wandlung“.

Der Atem der Sprache dieser Lyrikerin ist makellos und eingängig wie klares Mondlicht über der Klaviatur eines schwarzen Flügels. Obendrein sind die Strukturen der Texte schön und anmutig wie Seepferdchen aus dem offenen Meer der Intuition. Das macht die Texte so freigiebig, trotz der intensiven Prägungen, die sich in den Gedichten häuten: „In ihrer Rüstung aus Fleisch und Blut / Hatte sie erstaunlich lange überlebt /“.

Die Außenwelt wird zum Insigne der Innenwelt, die Tristesse verlassener Parks etwa oder der U-Bahnhöfe. Wir sind Teilhaber dieses Prozesses, der in seiner pulsierenden Dynamik von enormer Plastizität ist. Vorgestellt wird ein Spiegelkabinett, in dem das lyrische Ich seine Mitte zu orten sucht, abfällt, aufspringt, rätselt, entziffert. Spannend ist das zu lesen wie die Plakate der Litfaßsäule eines Traums. Alles fügt sich in milden aber deutlichen Linien zu einem Zentrum, dem Selbst, das naturgemäß schwimmt, bis es seine überendliche Dimension erreicht. Die Spielarten dieses Selbst finden sich zudem in den schönen, farbintensiven Porträtzeichnungen mit ihren intensiven Gesichtszügen, die den Band illustrieren. Auch diese Bilder stammen von Claudia Kohlus und öffnen eine weitere Sparte ihrer überzeugenden künstlerischen Ausdrucksfähigkeit und Schaffenskraft.

Gedanken Kartograf. Claudia Kohlus. Gedichte und Zeichnungen. Edition Melos 2021

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