Neue staubige Tage. Nuovi giorni di polvere. Yari Bernasconi

Die Asche, die aus der Philosophie der Zerstörung fällt, hat Yari Bernasconi auf seiner Europareise aufgefangen und in seine Verse getragen. Jenen Versen, die in mehreren Zyklen angeordnet sind, liegt ein grandioser Instinkt zugrunde, mit dem der Dichter Witterung aufgenommen hat, vor allem an verfallenen Stätten oder an verwaisten Plätzen in Estland, den piemontesischen Bergen, an der französischen Küste, in den irischen Mooren und in der Schweiz. Die vorgefundenen Hinterlassenschaften bergen „die verwundeten Reste der Wut“. Den Schimmer Blut, der bleibt, übertragen die Gedichte und öffnen dadurch das Vergessen aus dem kranke Erde fällt, mit gebleichtem Gesicht: „Du sagst dein Land, denn es ist eures, / jetzt, eures. Kaputt zurückgegeben, / wie ein zerschlissener Fetzen, ein Herz, / das siecht und doch schlägt. //“

Die Texte der zweisprachigen Ausgabe reiben den Frost der Normalität zwischen den Fingern, der wir zu arglos begegnen, so etwa in dem „Gedicht für den Gotthardbahntunnel“, das auch als eine Hommage an die bei den Bauarbeiten umgekommenen Arbeiter zu lesen ist: „( Der stürzende Fels hat ihm die Brust zerschmettert. / Keine Worte, keine Regung: nur eine trockene, / schreckliche Wolke. Vergeblich die Mühe der Kameraden, / herbeigeeilt in öligen Schuhen, die Schreie gedämpft / von der Routine. Die Erde und die Steine, im Dunkeln, / kennen keine Regeln. Keinen Vorgesetzten.)“

Das Leid, das in den Steinen gefangen ist, wird sichtbar wie ein gequältes Fossil. Diese lang verschüttete Dimension legt Yari Bernasconi frei mit gnadenlosen Versen. Das macht betroffen an einer Stelle, an der man es nicht erwartet hätte. Er zieht uns über die „Schutthalde“ des krisenreichen 20. Jahrhunderts, ob wir wollen oder nicht. Und elegisch wird die Ignoranz beschlagnahmt. Darin liegt eine wesentliche Essenz dieser großartigen Texte, die das Inferno sehen, wo man nur Idylle wahrzunehmen glaubt.

Bernasconi erschafft mit seinen Gedichten eine Skulptur aus den vergangenen Leiderfahrungen. Sie ist Mahnerin und Manifest und hat ungeheure Präsenz. Sie verfolgt unsere Schatten, die wir gerne verleugnen. Welche Konsistenz hat die geerbte Schuld? Ist sie dickflüssig wie Teer oder beiläufig wie ein schmales Erinnern? Wenn es so etwas gibt wie ein Ahnengedächtnis, so legt es hier Zeugnis ab, in diesem poetischen Echo der Verwüstung. Das sensibilisiert, keine Frage, für die Larven des Überwucherns, sensibilisiert für das Künftige, das schwer an den Altlasten zu tragen haben wird. Deshalb vielleicht sind auch die Szenen in den Bars und Pubs der Reisebeobachtungen gegen das Licht gezeichnet und stranguliert in ihrer Gemütlichkeit: „Als wir aufstehen, ist die Luft jäh und schwer. / Ein Betrunkener sitzt, eingraviert in den Tisch / aus ungehobeltem Holz. Wartet auf etwas, auf jemanden.“

Bernasconis Sprache ist schön wie Granit, absolut, souverän. Sie duldet keinen Widerspruch. Und das macht so sprachlos, wenn man sich die Gedichte zu Gemüte führt: „Das Wasser, das fließt, riss das Morgen schon fort. Ich schreibe dir von da, wo man verschwindet. Vergib, wenn ich nicht wiederkehre an diesen / ewigen Ort.“

Eine wunderbare, schonungslose Dichterstimme meldet sich hier zu Wort, mit melancholischem Esprit, der kraftvoll ist. Eine imponierende Poesie.

Julia Dengg hat in einfühlsamer Weise aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt und Fabio Pusterla ein sehr interessantes und aufschlussreiches Nachwort hinzugefügt.

Neue staubige Tage. Nuovi giorni di polvere. Yari Bernasconi. Limmat Verlag. Zürich 2021

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Der Hotlistblog

UNABHÄNGIGE BÜCHER – UNABHÄNGIGE VERLAGE

leseschatz

Erlesenes von Hauke Harder

Pega Mund : driftout

poems notes marks occur blur crave. durch die tage : status und gedicht.

Windstriche

Steglich WordPress.com weblog

muetzenfalterin

die Welt unter meinem Hut

parasitenpresse

Verlag für neue Literatur

Nacht und Tag

Literaturblog

LiteraturReich

Ein Literaturblog

quarantänelyrik

»ihr lest keine lyrik, seid ihr wahnsinnig?«

Das poetische Zimmer

ein Raum voller Lyrik, Gedichte, Poesie

ameisen im kirschblütenhaufen

schreiben als antwort aufs schweigen

%d Bloggern gefällt das: