Einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt. Raoul Eisele

Die Gedichte von Raoul Eisele sind zarte Libellenflügel, die sich durch das feine Geäst der Innenreiche der Geliebten des lyrischen Ichs bewegen. Dennoch, sie bleiben auf dem Weg zu „mon amour“, mit dem verborgenen Wissen, dass man den anderen weder begrenzen noch ganz erreichen kann. Alles bleibt somit grazile Annäherung an den absoluten Moment mit der Psyche des Du, hochsensibel und hochpoetisch: „eine Sonne aus Glas, aus Reflexion, mon amour /dein Schlaf und du eine Symbiose, ein ganz / gezielter Rhythmus, ein Zu- und Gegenatmen / ein An- und Abstoßen von Schwerkraft und Gravitation / von Spiegelgalaxien im Schlaf / du, bei Tag , ich / während die Sichel die Zeit zur Mahd mäht“. Diese Unfähigkeit ganz zu verschmelzen, treibt die Phantasie auf einen Höhepunkt und gebärt daraus die wundervollsten Sprachbilder, die unsere eigenen Seelenlandschaften mit eloquenter Schönheit fluten.

Und da sind diese schwarzen Löcher in den filigranen Liebesgedichten, Briefen und Selbstreflexionen, die dem Band den Titel geben. „Einmal hatten wir Schwarze Löcher gezählt“. Die schwarzen Löcher des Weltalls, die alles verschlingen, sind gemeint, aber auch jene im Kopf, im Unbewussten, denn der Kosmos verjüngt sich auch im einzelnen Muttermal, wie das Gedicht „Kosmologie“ es zum Thema macht. Die Dunkelfelder, immer wieder tauchen sie auch visuell in diesem Band in Form von geschwärzten Seiten auf, die wie Raumteiler daherkommen. Geschickt gelingt es aber das Unergründliche des geliebten Gegenübers sprachlich in blaue Spiegel zu weben. Die Angoralinie der zärtlichen Verse wird nicht verlassen. Ein empathisches Umschiffen, ein Umwittern steht anstelle des Absturzes: „als Goldfisch ohne Glas, als täte ich es zum ersten Mal / ganz frei und warm und unbekümmert / schwamm so schön in deinen Armen, wie schön / bei dir, mit dir dem Meer entgegenzulauschen“. Oder „und immer noch zwischen deinen Seiten Sand / bist Meer- und Salzkristallschönheit und irgendwo / dazwischen trocknen Blumen, klingen Zypressen durch dein / Land und du gräbst dich aus der Erde, gräbst Unaussprechliches / aus deiner Stimme, holst das Hinterbliebene hervor/“. Diese Lyrik ist so fein komponiert wie chinesische Schriftzeichen, das lässt staunen und aufmerken. In ihr findet sich die Renaissance poetischer Magie aus ferneren Zeiten. Dennoch bleibt sie en vogue. Eine Gratwanderung, die Raoul Eisele meistert. Dabei verwachsen die Sinneseindrücke mit den bildschönen Visionen in einer natürlichen Art und Weise, die staunen lässt. Die Wasseradern des Geistes werden auf diesem Wege in den Texten aufgespürt. Das Unsichtbare verschmilzt mit der Körperlichkeit. Da, wo die Träume an den Schläfen trocknen, setzt diese Lyrik an: „ so halbnächtig und schnell deine Lippen / wie sie sich schließen, das kirschrote Fleisch / zwischen den Orten ohne Bahnhof, den Orten / ohne Namen, die man auf keiner Karte mehr findet, die / man aus der Landschaft gestrichen und mit Waldzungen / übersät, diesen kleinen dunklen Tannen aus Kobalt //“. Ein sanfter, leiser, ebenmäßiger Rhythmus drängt die Wellen dieser Verse gegen weiche, nachgiebige Steine. Alles bleibt elastisch. Es gibt keine Brüche, keine Konsequenzen zwischen dem lyrischen Ich und den Geliebten. Aus jedem Ende fließt ein Anfang, aus jeder Selbstvergewisserung eine neue Reise, auch auf hoher See.

Man kann die Verse dieses Dichters nicht aufhalten, nicht festhalten. Sie entziehen sich der Fixierung. Somit ist es konsequent, dass es die eine Liebesbeziehung nicht gibt. Es sind mehrere Liebschaften, von denen berichtet wird, etwa zu O. und M.. Manchmal stehen sie in Beziehung untereinander. Es gibt keine Gewichtung, nur ein seichtes Treiben, das den eigenen Horizont sucht und am Ende ratlos bleibt: „dein Zerbrechen werde ich jedoch nie verstehen“. Die gesamte, wache Glut der Texte mündet in diesen letzten Vers, wie ein breiter Fluss in ein offenes Meer, in dem er sich erlöst. Letztlich bleibt eben doch alles schwarzes Loch. Wir wissen nichts.

Raoul Eisele ist einer der Großen unter den Dichtern der Gegenwartslyrik. Das steht ganz außer Frage. Man möge das erkennen.

José F. A. Oliver hat dem Band ein sehr feinsinniges Nachwort gegeben.

Einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt. Raoul Eisele. Schiler & Mücke. Berlin / Tübingen 2021

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